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Pseudoprofessionalisierung und Ambivalenz.

Ein Lamento, eine Polemik und eine Reflexion.
Peter Pantucek
erschienen in: Widersprüche, 25. Jgg., Nr. 96, Juni 2005, S. 75-98



Das Feld der Sozialarbeit und der Diskursraum, in dem über sozialarbeiterische Professionalität geschrieben und gesprochen wird, sind anfällig für Ungenauigkeiten, für Verdrängung, für pathetische Bekenntnisse und opportunistische Heilserwartungen. Es ist also ein ganz normales Feld, in dem wir uns bewegen. Ich versuche in der Folge die polemische Analyse einiger Aspekte dieses Feldes.

die unheilbaren Widersprüche

Das professionelle Selbstverständnis der Sozialarbeit muss sich an Bedingungen abarbeiten, die der Profession eingeschrieben sind. Zu den wichtigsten, die mich hier interessieren, gehören jene beiden:

  • die direkte oder vermittelte Beauftragung der Sozialarbeit durch den Staat bei gleichzeitiger berufsethischer Verpflichtung für dir die KlientInnen
  • die notorische Einbindung in Organisationen/Institutionen

Professionelle Sozialarbeit befindet sich in einem seltsam schillernden Verhältnis zu den staatlichen Versuchen der Lösung bzw. Prozessierung sozialer Probleme. Einerseits ist Sozialarbeit ohne die gesellschaftlich (staatlich und zivilgesellschaftlich) aufgebrachten Geldmittel und Aufträge nicht denkbar. Der seinem Wesen nach politische Prozess der Definition Sozialer Probleme produziert die Möglichkeit der Sozialarbeit und die Bedingungen ihrer konkreten Ausprägungen. Sozialarbeit ist reaktiv, und sie wird finanziert von jenen, die Bedingungen des Lebens in der Gesellschaft setzen. Professionelle Sozialarbeit kann aufgefasst werden als ein Reparaturdienst für die Unzulänglichkeiten der Programme zur Lösung sozialer Probleme. Sie arbeitet sich im Auftrag der Programmbetreiber an der Nicht-Passung der Programme im Einzelfall ab.

Das eröffnet für Individuen die Möglichkeit (oder den Zwang), Sozialarbeit in Anspruch zu nehmen, wenn sie in ihrer eigenen alltäglichen Lebensführung Probleme mit der Konstruktion der Gesellschaft und des Staates haben – oder wenn die Programme dies so vorsehen.

Die "natürliche" Bindung der Sozialarbeit an ihr Klientel ist schwach. Sie ist über die Beauftragung und die Organisationsform der Sozialen Arbeit i.d.R. nicht gegeben. Das Klientel hat selten Mitsprache, es ist einflusslos. Oft genug hat es keine Wahl, und es kann organisierte Sozialarbeit, die schlecht funktioniert, nicht durch den Entzug von Zuwendung oder Zuwendungen wirksam bestrafen.

Es ist also eher erstaunlich, wenn und dass Sozialarbeit doch immer wieder ihrem Klientel Nutzen bringt. Einige Bedingungen begünstigen diese überraschende Seite der Praxis:

  • die (vorerst meist naive) Motivation, die zur Berufswahl fährt und die eine solide Basis für ein dauerhaftes berufliches Ethos darstellen kann
  • das Setting der Sozialarbeit, das die Fachkräfte immer wieder mit der Alltagslogik des Lebens ihres Klientels konfrontiert und so Verstehen als Form der Verarbeitung dieser Erfahrungen begünstigt
  • ein methodisch ausformuliertes Berufsethos, das die Verpflichtung gegenüber den KlientInnen betont und strukturiert
  • die akkumulierte Erfahrung des Berufs, die respektvolle Inszenierungen und eine Betonung des Anschlusses an die soziale und Bewusstseinslage des Klientels nahe legt

Im Vergleich zu den "hard facts" des Geldflusses scheinen jene Gegengewichte schwach, doch reichen sie, um der Sozialarbeit eine unheilbare Ambivalenz zu verleihen. Gestützt werden sie nämlich noch durch ein nettes Paradoxon: Sie kann ihren Job auch für die Auftraggeber nicht gut tun, wenn sie auf die KlientInnenorientierung verzichtet. Diese Strategie der Annäherung an die individuellen Lebenssituationen ist der eigentliche Kern ihrer Professionalität.

Sozialarbeit soll und kann mit Menschen sprechen, mit denen andere nicht mehr erfolgreich sprechen können, sie kann den Dialog organisieren, wo der Monolog der Behörden, der Medizin etc. wirkungslos geworden ist oder nie wirksam werden konnte. Diese Fähigkeit hat die berufliche Sozialarbeit entwickelt und sie ist ihr Markenzeichen. Dabei bleiben SozialarbeiterInnen allerdings AgentInnen des Machtapparats des Staates und/oder des Mainstreams der Gesellschaft. Sie sind, solange sie ihre Arbeit gut tun, mit dem Verdacht konfrontiert, VerräterInnen zu sein: sich mit ihrem Klientel zu solidarisieren, ihre Position auf der Seite der ordnenden Mächte dieser Gesellschaft zu verlassen oder bereits verlassen zu haben. So ist sie auch keine ordentliche Profession: Ihr geht die Fähigkeit zum Monolog systematisch ab. Und wo sie monologisiert, ist sie erst recht nicht professionell, sondern höchstens bürokratisch.

Für die einzelnen SozialarbeiterInnen bedeutet das praktisch: Die KlientInnen beklagen ihre Lage, und sie tun das ausführlich in den Beratungssitzungen. Der finanziell potente Auftraggeber klagt seltsamerweise nicht, aber er zahlt. Eigentlich sollte er klagen, dass seine Programme nur bedingt funktionieren. Aus guten Gründen tut er das aber nicht: Er muss so tun, als wären die Programme generell wirksam, als wären sie geeignet, die sozialen Probleme der Gesellschaft zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch.

Der Auftraggeber neigt dazu, die Schuld am Nicht-Funktionieren seiner Programme im Anwendungsfall den je betroffenen Personen anzulasten. Bis zu einem gewissen Grad scheint er damit ja auch recht zu haben. Es finden sich fast immer genügend Personen, die im Rahmen des Programmes unauffälig mitmachen. Sie sind eine stille Bestätigung für die "Richtigkeit" des Programms. Es werden sich auch immer dankbare NutznießerInnen finden, die ihrer Begeisterung darüber, wie ihnen geholfen wurde, Ausdruck zu geben bereit sind.

Der Wohnungslose hat nach einer gewissen Zeit des Überlebens unter Bedingungen der Wohnungslosigkeit ja tatsächlich Überlebensstrategien im Großstadtdschungel gelernt und die nötigen Fertigkeiten des Alltags für das Halten einer Wohnung verlernt (oder hatte sie nie und konnte in seinem bisherigen Leben immer jemanden – meist eine Frau – finden, die an seiner Stelle das Nötige an Disziplin bei der Pflege von Körper, Kleidung und Wohnung sowie beim Bezahlen von Rechnungen aufbrachte).

Für die Auftraggeber der Sozialarbeit liegt also nahe, die Sozialarbeit als Erziehungsprogramm zu verstehen: Die Individuen sollen so erzogen werden, dass sie wenn schon nicht fit für ein Leben ohne Inanspruchnahme von Sozialprogrammen, wenigstens fit für das Programm sind, also im Laufe der Bearbeitung ihres "Falles" immer besser zum Programm passen. Das soll Sozialarbeit an jenen bewerkstelligen, bei denen diese Fitness nicht von vornherein gegeben ist oder wo die mikrosozialen Bedingungen ungünstig sind.

Organisationen und Pseudoprofessionalisierung

Eine Grunderfahrung im Front-Line Social Work ist, dass dieser Anspruch bei manchen Fällen einlösbar ist, bei anderen aber wieder nicht. Die Programme zur Bearbeitung sozialer Probleme sind notwendigerweise in einer erklecklichen Anzahl von Fällen irreparabel unpassend.

Subjektiv kann das bedauert werden: Die Sehnsucht mancher StudentInnen und PraktikerInnen der Sozialen Arbeit nach der Eindeutigkeit und danach, die Sozialarbeit möge unzuständig werden, wenn ihre Hilfen nicht greifen und wenn die Lage zu aussichtslos wird, ist verständlich – aber sie ist kontraproduktiv, denn sie lehnt ab, die Aufgabe zu übernehmen, für die es sich lohnt, Sozialarbeit zu finanzieren. Absurderweise wird von manchen Leitungsebenen und auch von manchen Front-Line-SozialarbeiterInnen aber die Herstellung von Überschaubarkeit mit allen Mitteln (i.d.R. bürokratischen), die Nichtbeschäftigung mit Schwierigem als Professionalität missverstanden.

Hier greift das zweite eingangs erwähnte Charakteristikum der Sozialen Arbeit: Sie ist notorisch in ihren Vollzügen an Organisationen gebunden. Da KlientInnen sich ihre SozialarbeiterInnen hierzulande nicht selbst zahlen können, muss ihre Arbeit anders finanziert werden – und sie wird es über Organisationen, die SozialarbeiterInnen anstellen. Die Organisationen bezahlen und legitimieren ihr Fachpersonal, sie stellen Arbeitsmittel, Macht und soziales Kapital zur Verfügung, das mehr oder weniger erfolgreich auch zum Nutzen des Klientels eingesetzt werden kann. Die Organisation ist ein Werkzeug der Sozialen Arbeit, aber sie ist auch ihre Existenzbedingung.

Für eine selbstständige professionelle Kultur sind das schlechte Bedingungen: Die Macht der Anstellungsträger über die Angehörigen der Profession erfährt keine Relativierung. Weder gibt es hierzulande eine einflussreiche, professionelle Normen formulierende und überwachende Organisationsform der Profession selbst, noch sind die KlientInnen der Sozialarbeit zur Wahrung ihrer Interessen organisiert. Die einzelnen Fachkräfte sind damit in ihrer Bestätigung als Profis immer wieder auf die Organisation verwiesen, bei der sie angestellt sind. Dieses Setting fördert nicht gerade professionelle Autonomie, die eine gewisse Unabhängigkeit von den Anstellungsträgern erfordert. Den gestaltenden Eingriffen der Leitungsebenen sind die SozialarbeiterInnen also verhältnismäßig ungeschützt ausgeliefert.

Wenn die Anstellungsträger allein sind, wenn ihr einziger potenter Gesprächspartner das regelnde und finanzierende politische System ist, dann ist eine Tendenz des Opportunismus unvermeidlich. Sie äußert sich unter anderem in jenen Bestrebungen, die ich als Pseudoprofessionalisierung bezeichnen möchte.

Was wäre unter Pseudoprofessionalisierung zu verstehen? Das wären all jene strukturierenden Praktiken, die auf den ersten Blick den Anschein von Professionalisierung, von Verwissenschaftlichung erwecken. Das Präfix "pseudo" verdienen sie sich dadurch, dass sie die stets prekären und gefährdeten Möglichkeiten einer an der Eigenlogik des Falles orientierten Arbeit nicht unterstützen, sondern einschränken und untergraben. Pseudoprofessionalisierung tut so, als erhöhte sie die Professionalität, gleichzeitig storniert sie die Bedingungen der Möglichkeit von Professionalität. Pseudoprofessionalisierung ist also – unter Berücksichtigung der vorhin beschriebenen ambivalenten Existenzbedingungen von Sozialarbeit – eine notwendige Tendenz, mit der zu rechnen ist.

Ich will dies nun am Beispiel des Umgangs mit der Logik von Stillstand und Beschleunigung in der Arbeit mit dem Fall explizieren. Bedeutsam werden Zeitlogiken und Dynamik, weil Managerialism und Bürokratisierung als Organisationsstrategien auf eine Erhöhung der Planbarkeit von Sozialer Arbeit zielen.

Zeitlogiken und Planung

Die Planbarkeit des Arbeitseinsatzes in der Sozialarbeit ist durch einige in der Sache liegende Faktoren deutlich eingeschränkt. Sozialarbeit als Hilfestellung bei einem nicht-gelingenden Alltag ist in ihrem Fortgang wesentlich von Prozessen abhängig, die sich ihrem direkten Zugriff entziehen. Es ist die Logik und Dynamik der wirklichen Lebenssituation der KlientInnen, die Tempo und Zeitaufwand bestimmen. Das bedeutet einmal Verlangsamung bis zum Stillstand, dann Phasen rasanter, manchmal krisenhafter Zuspitzung und Entwicklung. Dieser Ablauf ist charakteristisch für hochkomplexe Systeme, und wenn jemand ein Bild dazu braucht, so sei auf analoge Dynamiken in der Politikgeschichte verwiesen: Die relative Stagnation der politischen Situation in Europa in den 80er-Jahren und die Rasanz der Umbrüche 1989/90. Ähnliche Abfolgen von scheinbarem Stillstand und dramatischen Entwicklungen finden wir bei vielen Fällen der Sozialarbeit. Eine Untersuchung dieser Abfolge von Langsamkeit und Beschleunigung, der unterschiedlichen Zeitlogiken von Entwicklungen des Alltagslebens und der Beratung/Betreuung steht meines Wissens noch aus.

Es sind mehrere Systemdynamiken, die für eine erfolgreiche Fallbearbeitung eine Rolle spielen: Die Körperlichkeit der KlientInnen, ihr Bewusstsein, das soziale System des nahen Umfelds, gesellschaftliche Funktionssysteme. Sozialarbeit ist methodisch unbescheiden bis zum Größenwahn: Sie interveniert in das System Bewusstsein (Beratung), nahes Umfeld und Funktionssysteme (Feldinterventionen). Ihre Interventionen sind aber sanft, und sie sind umso wirkungsvoller, als sie die Eigendynamik der Systeme zu nutzen verstehen. Es ist eine Kombination aus Größenwahn und Bescheidenheit (Wissen von der Beschränktheit der eigenen Eingriffsmöglichkeiten), die ihren Reiz und ihr Potenzial ausmachen.

Zurück zur Logik und Ökonomie der Zeit: Die methodischen Probleme scheinen relativ klar: In Zeiten des scheinbaren Stillstands bereiten sich die großen Veränderungen vor, aber das ist nicht notwendigerweise erkennbar. Der Arbeitseinsatz ist zu diesen Zeiten relativ gut planbar, aber er zeitigt vorerst keinen erkennbaren Effekt. Es ist auch unklar, ob er jemals Wirkung zeigen wird; in Zeiten der Beschleunigung ist intensiver Einsatz angesagt, der Effekt ist sehr groß, die Planbarkeit ist gering, denn die Beschleunigung kann völlig überraschend von einem Tag auf den anderen eintreten. Aber nicht einmal dieser Ablauf ist antizipierbar. In anderen Fällen sind die Entwicklungen nämlich langsam und relativ kontinuierlich, zu einer Beschleunigung kommt es nie. Die stattgehabte Veränderung erschließt sich erst im Rückblick: Siehe da, es hat sich ja tatsächlich etwas geändert in den letzten zwei Jahren.

Soweit die Zeitlogik der Fälle. Für Organisationen ist ein solcher Ablauf ein Horror. Die mittelfristige Planung des Arbeitsaufwandes je Fall ist nur schwer möglich, eine diagnostisch orientierte Eingangsphase ändert da wenig. Wer weiß schon, wann die Beschleunigung eintritt? Viele Organisationen reagieren darauf mit einem gezielten Ignorieren der zeitlichen Eigenlogik der Fälle. Und siehe da: it works. Die Organisationen haben die Macht, ihren eigenen Einsatz zu bestimmen. Und wenn intensive Begleitung in Krisensituationen nicht vorgesehen ist, dann wird sie eben nicht geleistet. Das Misslingen von Interventionsprozessen lässt sich ja bequem den KlientInnen schuldhaft anlasten: Sie sind zu schlecht organisiert. Hier wird tautologisch argumentiert. Die Inanspruchnahme von Hilfe ist etwas, das man können muss, und diese Fähigkeit korrespondiert mit den Fähigkeiten, die man für ein Bestehen in der leistungsorientierten Gesellschaft sich selbst disziplinierender Individuen benötigt. You see: Das Sozialwesen tendiert dazu, die Mechanismen der Gesellschaft, in die es eingebettet ist, zu verdoppeln , allerdings kräftig garniert mit einer Anleihe bei den mechanistischen Planungsillusionen des untergegangenen Realsozialismus.

Zielverordnung. Neben der unerträglichen Phrase von der „Krise als Chance“ hatte in den letzten Jahren auch jene moralisierende andere Konjunktur: „Wer kein Ziel hat, für den ist jeder Weg der richtige“. Gemeint ist sie i.d.R. nicht als Frohbotschaft der Gelassenheit, sondern als Imperativ: Du musst Ziele formulieren, einen Lebens- bzw. Behandlungsplan machen. Dokumentationssysteme werden so angelegt, dass Ziele zu benennen sind, denen jeweils Maßnahmen zugeordnet werden sollen. Was die Managementebene mit Zielen meint, ist in aller Regel die statische Zielplanung, die im Rahmen einer Zielvereinbarung mit den KlientInnen über einen mittleren oder längeren Zeitraum (3 Monate und mehr) festlegt, worum es im Interventionsprozess gehen soll. Die dahinterliegende Vorstellung ist, dass sich durch Zielformulierung und Zielvereinbarung Interventionsprozesse überschaubar und abrechenbar gestalten könnten. Wird das Ziel nicht erreicht, kann gefragt werden, warum das so gewesen sei. Wird es erreicht, kann die Arbeit als erfolgreich abgehakt werden. Praktisch begünstigt diese Vorstellung Schematismus und die Verordnung von Zielen durch die Organisation . Das Elend dieser Art von Zielplanung zeigt sich in Hilfeplänen, bei denen erkennbar die Eigendiagnosen und persönlichen Ziele der KlientInnen nicht vorkommen oder überhaupt nicht adäquat abgefragt wurden. Die Fachkräfte lösen ihr eigenes Problem, nämlich ein Formular mit Zielen zu füllen, indem sie auf das scheinbar Naheliegende zurückgreifen: Auf die Norm. Wer säuft, soll trocken werden, wer seine Kinder schlägt, soll damit aufhören, wer keine Arbeit hat, soll fit for work werden. Bei Nicht-Gelingen wird Abbruch der Hilfe in Aussicht gestellt und scheint auch legitimiert.

Habitualisiertes Beantworten von Problemen der Lebensführung mit institutionellen Angeboten: Während das Eingehen auf die Möglichkeiten, die sich im Lebenszusammenhang der KlientInnen selbst finden, das Zulassen von Unwägbarkeiten und mitunter beträchtliche Verzögerungen bei der Fallbearbeitung erfordern würden, ermöglicht der habitualisierte Rückgriff auf institutionelle und professionelle Ressourcen oft eine rasche und in der Organisation gut akzeptierte „Lösung“ von auftauchenden Problemen . Die Beschäftigung von Institutionen des Sozialwesens mit Personen, die einmal die Beachtung des Funktionssystems gefunden haben, kann also rasch eskalieren und Metastasen erzeugen. Aus der Perspektive einer einzelnen Organisation betrachtet, bleiben so die Fälle übersichtlich und können Entscheidungen relativ rasch getroffen werden. Eine Draufsicht auf das System lässt jedoch einen fortschreitenden Ersatz des „natürlichen“ sozialen Umfelds jener KlientInnen durch institutionalisierte Substitute erkennen.

Schließlich generiert der Versuch einer weitgehend von der Einzelfalllogik abgekoppelten Vorstrukturierung von Fallbearbeitungsprozessen Respektlosigkeit: Er verlangt die Unterordnung der KlientInnen unter die Ablauflogik der Organisation, und zwar vorerst relativ unabhängig davon, wie drängend oder auch relativ stabil seine derzeitige Lebenssituation ist.

2003 führten in einer europäischen Großstadt einige parallele Entwicklungen dazu, dass Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen waren, eine wesentliche Verschlechterung des Services hinnehmen mussten. Gingen sie aufs Sozialamt, bekamen sie nicht Geld, sondern nur einen Gesprächstermin. Die Wartezeit auf dieses erste Gespräch betrug mehrere Wochen, 2 Monate waren die Regel.

Was war geschehen? Die neue Leitung des Sozialamts hatte einige einschneidende organisationsinterne Ma§nahmen gesetzt, um die Qualität der Betreuung durch das Sozialamt zu verbessern. Statt Juristen saßen nun Sozialarbeiter in der Führungsetage.

Es wurde angeordnet, dass alle Antragsteller vor formaler Einreichung ihres Antrags auf Sozialhilfe ein Assessmentgespräch mit einem Sozialarbeiter zu führen hätten. In diesem Gespräch sollte nicht nur geklärt werden, ob der Hilfesuchende die Anspruchsvoraussetzungen erfüllt, sondern es sollte auch seine Lebenslage besprochen und ggf. ein Hilfeplan erstellt werden.

Gleichzeitig entwickelte sich der Arbeitsmarkt in der Stadt ungünstig und die Bezugsvoraussetzungen für Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung wurden verschärft. Das führte dazu, dass die Zahl der Antragsteller auf Sozialhilfe sprunghaft anstieg.

Die paradoxe Folge der Bestrebungen zur Verbesserung des Services war: Das Service verschlechterte sich massiv. Oder deutlicher: Menschen, die Anspruch auf Sozialhilfe hatten, kamen nicht oder erst nach absurden Verzögerungen zu ihrem Geld.

Dieses Beispiel verweist darauf, dass sich Ablauflogiken nicht ohne Rücksicht auf die spezielle Zeitlogik der Fälle gestalten lassen, selbst dann nicht, wenn auf den ersten Blick methodische Verbesserungen eingeführt werden.

Soziale Arbeit benötigt Schnelligkeit, und sie benötigt Verlangsamung. Sowohl das eine wie das andere. Für die Organisation ist beides ein Ärgernis.

Strategien des Überlebens in Ambivalenz

All diesen Strategien der Organisationen steht das Ethos des Berufs gegenüber. Es verlangt Achtung vor den KlientInnen, ein Eingehen auf deren Bedürfnisse, ein Engagement gegen soziale Ungerechtigkeit, . Aber wie das eben so ist mit dem Ethos: Es wird allzuleicht schal und leer, vor allem, wenn es in der täglichen Arbeit und im Leben der Organisationen nicht mit Macht gekoppelt ist.

Diese Macht wäre zu erringen: Der Sozialarbeit kann es als Profession nur nützen, wenn die KlientInnen eine Stimme bei der Diskussion um Standards der Sozialen Arbeit hätten. Dazu wären allerdings selbstständige Organisationsformen erforderlich, die nicht gleichzeitig jene der Profession wären bzw. die nicht von der Sozialarbeit dominiert wären: eine Frage der Glaubwürdigkeit. Die spürbaren Vorbehalte des Berufsstandes gegen eine Kontrolle durch die NutzerInnen (oder von den NutzerInnen beauftragten Personen / Organisationen) sind kontraproduktiv. Es wäre zu wünschen, dass die Profession in ihrem Selbstverständnis endgültig in einer demokratischen Welt ankäme und die letzten (?) Reste eines patriarchalen und/oder matriarchalen Verständnisses ihrer Funktion entsorgte: Was Sozialarbeit macht, ist nicht per se und automatisch gut und moralisch sauber. Sie kommt nicht ohne Kontrolle durch die NutzerInnen aus.

Daneben bedarf es einer Formulierung professioneller Standards oberhalb der Ebene der einzelnen Organisationen. Auch dies wäre zu verstehen als ein Gegengewicht zu den Normierungsversuchen des Managerialism: eine Stärkung der Stimme der Profession gegenüber der Definitionsmacht der Leitungsebenen.

Diese Stärkung von Gegengewichten ermöglichte erst ein Aushandeln und Ausbalancieren jener Ambivalenz, die Existenzbedingung der Sozialen Arbeit ist.

Steuerung durch Sozialarbeit

Kürzlich wurde hierzulande ein neues Heim für Wohnungslose eröffnet. Die Leiterin stellte ein Konzept vor, das darauf baut, dass die künftigen Bewohner hier nur vorübergehend Unterkunft finden. Es ist ein Programm der Ertüchtigung (wenn man will: des Empowerment). Solche Programme sind für manche KlientInnen tatsächlich hilfreich, vor allem, wenn sie mit guten und langjährig bewährten Techniken der Sozialen Arbeit verbunden werden: Sanft nachgehender Sorge und konsequent zur Schau gestelltem Optimismus, dass die Lage des Klienten verbessert werden kann. Illusionär ist allerdings, dass alle davon profitieren könnten. Jene, deren Chancen für sozialen Aufstieg äu§erst gering sind, für sie gibt es Perspektiven nur als Fata Morgana.

Interessant ist derzeit die Dominanz der Ertüchtigung gegenüber den akzeptierenden Programmen; es fällt die Absurdität auf, dass die Ertüchtigungsprogramme immer dann Hochkonjunktur haben, wenn die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen dafür besonders ungünstig sind. Interessant ist auch die Affinität von Ertüchtigungsprogrammen zu Zwangsprogrammen. Die Forderung nach Selbstständigkeit, von oben vorgegeben, legt den Zwang zu Selbstständigkeit nahe, das Reduzieren von Sorge für die Menschen. Das Gouvernementalitäts-Konzept ermöglicht es, auch die Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf die Unterstützung der Selbststeuerung der Individuen (und der Herstellung von Verhältnissen, unter denen die Selbststeuerung möglich und erfolgreich werden kann) als Techniken der Gesellschaftssteuerung zu sehen und zu beschreiben. Es verstellt aber m.E. den Blick darauf, dass Soziale Arbeit innerhalb des Diskurses über die Gestaltung der Gesellschaft bzw. der Steuerungstechniken eine relativ eigenständige Position einnimmt. Sie steht für eine individualisierende (subjektorientierte), akzeptierende (lebensweltorientierte), dialogische und somit sanfte Steuerung. In ihren besten Modellen unterstützt sie die organisierte Artikulation der Interessen ihrer Zielgruppen. Das ist dialektisch zu sehen: Eben dadurch, dass sie über beruflichen Ethos eine reine Steuerungsaufgabe verweigert, erfüllt sie ihre spezifische Steuerungsfunktion. Sie arbeitet mit der Paradoxie des Rufes von oben nach Selbststeuerung der Individuen. Methodisch geht sie davon aus, dass ihre KlientInnen sich schon selbst steuern, dass sie also schon dort angelangt sind, wo sie hinsollen. Nur so gelingt es ihr, Ermöglichung von Selbststeuerung auch als Anforderung an die soziale Umwelt der KlientInnen zu formulieren.

Die KlientInnen können nicht aus der Gesellschaft flüchten. Ihr KlientInnenstatus ist ein stigmatisierter und stigmatisierender, ein Status reduzierter Mündigkeit. Ein Ausstieg aus diesem Status kann eine Befreiung aus Unmündigkeit sein, aber auch ein Absinken auf einen Status, wo sie keine Aufmerksamkeit mehr verdienen, wo der gelegentliche Zugriff der Polizei oder von Sicherheitsdiensten die letzten Reste von gesellschaftlicher Steuerung sind, die sie erfahren. Wenn die Selbststeuerung nach den Kriterien der Bearbeitungsprogramme nicht gelingt, wird der Ausschluss weitergetrieben.

Derzeit läuft die Soziale Arbeit Gefahr, ihre spezifische Funktion aufzugeben. Und zwar gerade deshalb, weil manche Institutionen der Sozialen Arbeit allzu eilfertig versuchen, ihrem vermeintlichen gesellschaftlichen Auftrag nachzukommen. Wenn Soziale Arbeit genau das macht, was die Politik von ihr verlangt, wird sie bald entbehrlich sein. Nur dann, wenn sie die Vorgaben der Politik zwar zur Kenntnis nimmt, aber unterläuft, bleibt sie nützlich. Sie funktioniert, weil sie nicht in erster Linie kontrollierend, bürokratisch und pädagogisch ist. Sie bekommt Geld, weil sie auch kontrollierend, bürokratisch und pädagogisch ist. [4] Sie ist Teil des Regierens, daher kann sie weiterhin sein. Sie ist besonders wirksam, wo sie ihre Existenzbedingungen unterläuft. Und jene Sozialarbeitswissenschaft ist klug, die diese grundlegende Dialektik sieht und benennen kann.


Literatur:

Bardmann, Theodor M. (2001): Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft. Soziale Arbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster. In: Das gepfefferte Ferkel. Online-Journal für systemisches Denken und Handeln November 2001: http://www.ibs-networld.de/ferkel/von-foerster-05.shtml am 8.3.2002.

Neuberger, Christa (2004): Fallarbeit im Kontext flexibler Hilfen zur Erziehung. Sozialpädagogische Analysen und Perspektiven. Wiesbaden.

Possehl, Kurt (2002): Zielvereinbarungen mit KlientInnen in der Sozialen Arbeit. In: sozialaktuell Nr. 19: http://www.sbs-aspas.ch/deutsch/archiv.sozialaktuell/2002/artikel_1_19_02.pdf

Timms, Noel (1997): Taking Social Work Seriously: The Contribution of the Functional School. In: British Journal of Social Work: Vol. 27 Number 5 October . Oxford (GB): Oxford University Press. S. 723-737.



[1]eigentlich noch schärfer: das Sozialwesen lässt jene Spielräume nicht mehr zu, die die Gesamtgesellschaft sehr wohl offen lässt. Es ist tendenziell totalitär, will die ãBetroffenenÒ auch noch clean, selbstbestimmt, glücklich, gesund lebend etc. machen. Die Gesellschaft hingegen lässt  Devianz zu, bietet Räume,ume, in denen diese sich entwickeln kann. Das Sozialwesen unterwirft tendenziell jene Personen, die in seinen Einflussbereich kommen, einer Befürsorgung, die die Autonomie in der Wahl ihres Lebensstils einschränkt. Das Mittel ist u.a. die verordnung von Zielen.

[2] Näheres und kritisches zu dieser Art der Zielplanung findet sich bei Possehl (2002).

[3] Christa Neuberger (2004: 177ff.) kommt zu einem ernüchternden Befund über die Einbeziehung von Ressourcen des Sozialraums bei Fällen des ASD in München – und Beobachtungen sprechen dafür, dass das in anderen Städten kaum anders ist.

[4] Bardmann (2001) schreibt von der ãSchmuddeligkeitÒ der Sozialarbeit, von ãEigenschaftslosigkeit als EigenschaftÒ. Er betrachtet ihre Fähigkeit, sich nicht festlegen zu lassen, als Bedingung ihrer Möglichkeiten. Man könnte sagen, Sozialarbeit tut, was sie tun soll, und tut es doch nicht. Versuche, sie dazu zu bringen, dass sie endlich tut, was sie tun soll, würden dann dazu führen, dass sie nicht mehr tun kann, was sie soll. Oder anders: Wenn Sozialarbeit nur mehr Teil der Regierung ist, verschwindet sie als Profession.