---> pantucek home

Illusion Resozialisierung?

3 Kurzreferate auf einem Fachtag der Caritas Stuttgart
Peter Pantucek

20. Juni 2006


Mythos Resozialisierung?

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen.

Sie haben Ihren Fachtag unter das Motto Illusion Resozialisierung gestellt und da noch ein Fragezeichen angehängt, als wären Sie sich Ihrer kritischen Haltung zum Begriff bzw. Auftrag zur Resozialisierung nicht so sicher. Am Beginn dieses Vormittags, der hoffentlich spannende Diskussionen bringen wird, will ich Ihnen einmal Ihre Unsicherheit nehmen. Mit Ihrem durch den Begriff „Illusion“ angedeuteten Unbehagen liegen Sie schon richtig, und wahrscheinlich stehe deswegen auch ich hier vor Ihnen, und nicht jemand anderer.

Ich werde also jetzt, im ersten meiner 3 Beiträge zu Ihrer Diskussion, versuchen, mir – und Ihnen – klarzumachen, was mich so seltsam berührt am Begriff der Resozialisierung und übrigens auch an ähnlichen Begriffen, mit denen die Tätigkeit Sozialer Arbeit wolkig umschrieben wird, bzw. was so als Anspruch ihr angetragen wird. Integration ist auch so ein Begriff, der in die gleiche Kategorie fällt, und über die Lösung sozialer Probleme werden wir auch reden.

Aber bleiben wir vorerst bei der Resozialisierung. Das Präfix „Re-„ unterstellt schon einmal, dass vorweg eine Sozialisierung stattgefunden habe, dass diese verlorengegangen oder sonst wie aufgehoben wurde, dass dies nun zu reparieren sei. Deutlicher wäre es, von Resozialisation zu sprechen, denn was Sozialisation ist, das wissen wir. Jedenfalls wissen wir es genauer, als wir wissen, was „Sozialisierung“ bedeuten soll.

Sozialisation, das ist jener Prozess, in dem Individuen lernen, Individuen in der Gesellschaft zu sein. Dafür müssen sie sich sehr viel aneignen, viel vom Reichtum der Gattungsentwicklung, um es einmal pathetisch zu formulieren. In einem gelingenden Prozess der Sozialisation eignen sich unter anderem die Sprache an, das Zeichensystem, mit dem Menschen sich heutzutage nicht nur verständigen, sondern mit dem sie auch die Welt begreifen. Mit dieser Aneignung eines hochentwickelten Zeichensystems lernen sie auch menschliche Ziele und Zwecke über das Organismische hinaus, also über Schlafen, Essen, Trinken und so weiter. Diese Ziele lernen sie auch an den Gegenständen, die sie vorfinden. Der Löffel zum Beispiel erzählt etwas darüber, wie man heutzutage als Mensch so isst. Dieser Aneignungsprozess, den wir Sozialisation nennen, benötigt 2 Seiten: die heutige Gesellschaft muss da sein, muss sich im Umfeld der Kinder repräsentieren durch Sätze, durch Menschen mit ihrem Repertoire an Verhaltensweisen und Sprache, durch die Gegenstände mit ihrem Aufforderungscharakter: bitte benutz mich. Sind die nicht vorhanden, dann sozialisiert sich dieses Wesen schlecht oder gar nicht, Sie kennen die Kaspar Hauser Geschichte, oder in eine Welt hinein, die nicht die richtige, nicht die unsere, nicht jene ist, in der sich dieses Wesen künftig behaupten wird müssen, in der es kooperieren und sein Leben sichern wird müssen.

Sozialisierung, das riecht etwas streng nach überheblicher Gutmenschenpädagogik. In ihm schwingt allerdings auch ein anderer Begriff mit, nämlich die Vorstellung vom sogenannten Asozialen, dem Menschen, der sich nicht in die Gemeinschaft einfügen will oder kann, der sein Lebenskonzept gegen die Gemeinschaft anlegt. Als Asoziale galten unter den Nazi Bettler, Landstreicher, Obdachlose, Prostituierte, Zuhälter, Fürsorgeempfänger, Suchtkranke (z.B. Alkoholiker), deklassierte Unterschichtsfamilien (von den Nazis als „asoziale Großfamilien“ bezeichnet), Sinti, Roma, Zigeuner und andere Unangepasste bezeichnet. Im KZ waren sie mit einem schwarzen Winkel gekennzeichnet – und hatten mehrfach zu leiden, sie waren auch für die meisten KZ-Häftlinge, die aus politischen Gründen hier interniert waren, Paria. Auch die Arbeiterbewegung hatte zu den Asozialen, zum sogenannten Lumpenproletariat, ein gestörtes Verhältnis.

Resozialisierung, das ist die Vorstellung, dass es möglich ist, durch geeignete Maßnahmen, vor allem durch im weitesten Sinne pädagogische Maßnahmen, Menschen wieder zu einem Leben in der Gesellschaft und nach den Regeln der Gesellschaft bringen zu können. Ein Programm, das auf die Erziehung der Person zielt, und damit vorerst die Gründe für die Asozialität auch in der Person verortet.

Über Resozialisierung sprechen wir im Zusammenhang mit Straftaten, mit der Justiz. Resozialisierung, das ist die Alternative zu einem bloß Rache- oder vielmehr Buße-orientiertem Strafvollzug.

Verzeihen Sie mir, wenn ich das vorerst einmal zuspitze: Unter Resozialisierung laufen auch Hundetrainingsprogramme. Besonders aggressive Hunde – oder solche, die besonders ängstlich, und auch dadurch gefährlich sind – werden über Training „resozialisiert“, d.h. dass sie im Ergebnis wieder für ein Zusammenleben mit Menschen geeignet sind.

Nun ist es zweifellos leichter, Hunde auf ein gewünschtes Ziel hin zu trainieren, als Menschen. Trotzdem gibt es für Menschen ähnliche Programme, die sogenannten „Bootcamps“.

Ein Bootcamp, das ist ein militärisch organisiertes Camp, in dem mit den klassischen Mitteln der militärischen Erziehung gearbeitet wird. Das pädagogische Programm ist einfach und eindeutig: Der Wille der „Rekruten“ muss zuerst gebrochen werden und wird dann erst sukzessive wieder aufgebaut. Wir kennen das aus diversen Filmen. Seelische Misshandlungen sind hier kein Unfall, sondern Teil des Konzepts. Das Trainingsprogramm ist ursprünglich für Mitglieder von Eliteeinheiten entwickelt worden: Es soll den bedingungslosen Gehorsam, die Unterordnung der einzelnen unter die Kommandogewalt garantieren, der einzelne soll sein ICH völlig in den Dienst der Truppe / der Gemeinschaft stellen.

Bei aller Skepsis: Das hat was. Die Vorstellung, mit brachialen Methoden Menschen ihre egoistischen und gemeingefährlichen Neigungen auszutreiben und ihnen klarzumachen, dass sie zwar Individuen, aber auch Teil der Gesellschaft sind, dass sie sich gefälligst zusammenreißen sollen, wie man so sagt, das entspricht schon einmal eigenen Fantasien. Vor allem, wenn man es immer wieder mit hochproblematischen Menschen zu tun hat, mit dem, was so als Borderliner bezeichnet wird, oder ganz einfach mit eigenen Kindern.

Zugegeben, wir haben es hier mit einer sehr radikalen Form der Resozialisierung zu tun, nicht unbedingt mit dem Weg, für den Soziale Arbeit steht. Aber wir sollten uns dessen klar sein, dass das Spektrum an Reaktionsformen recht breit ist, mit dem „die Gesellschaft“, oder „der Staat“ auf Personen und Handlungsweisen reagiert, die sie, die Gesellschaft, oder er, der Staat, für wenig akzeptabel hält.

Der Staat ist ein Machtapparat, nicht nur Karl Marx und Lenin betrachteten ihn als Gewaltapparat der herrschenden Klassen. Die Monopolisierung der Gewaltausübung ist für einen funktionierenden Staat unverzichtbar. Gelingt diese Monopolisierung nicht, spricht man heute von „failed states“. Ein solches Beispiel ist Somalia, wo das staatliche Gewaltmonopol nicht errichtet werden konnte. Das Resultat ist ein ständiger Bürgerkrieg, wobei lokale „warlords“ die reale Herrschaft ausüben. Der Irak wandelt seit der amerikanischen Invasion am Rande des Status eines „failed state“, und es ist noch nicht ausgemacht, wie es weitergeht.

Zum Staat gehört also die Ausübung von Gewalt, oder zumindest die potenzielle Ausübung von Gewalt, dazu, sonst wäre er kein Staat, und alles, was wir als SozialarbeiterInnen tun, ruht auf dieser staatliche Gewalt auf. Ruht auf der Sicherheit, dass der Staat notfalls mit Gewalt die Herrschaft des Gesetzes garantiert.

Ich betone das, um klarzumachen, dass umfassende Vorstellungen von einer gewaltfreien Gesellschaft gelinde gesagt naiv sind. Die Soziale Arbeit ist kein generell alternatives Konzept zu einem menschlichen Zusammenleben, das auf Macht- und Gewaltverhältnissen beruht, sondern sie entwickelt ihr Potenzial erst, wenn die Machtfragen geklärt sind. Geklärt im Sinne eines staatlichen Machtmonopols.

Sie sehen, ich bin skeptisch gegenüber der Sozialarbeit als Heilsprogramm für die Gesellschaft.

Trotzdem – nun ist zu fragen, woher die „Resozialisierung“ ihre Aura der menschenfreundlichen Variante staatlicher Reaktionsformen auf Normverletzungen hat. Allen Formen der Resozialisierung, auch den Bootcamps, auch der Hundeerziehung, ist ein grundsätzlicher Optimismus eigen. Der Optimismus, dass Menschen und Hunde, egal was sie bisher getan haben, grundsätzlich die Fähigkeit zu einem Leben in der Gesellschaft eigen ist. Diese Fähigkeit kann, mit welchen Mitteln auch immer, und zugegeben, in der Wahl dieser Mittel unterscheiden sich Resozialisierungsprogramme beträchtlich, aktiviert werden.

Der pädagogische Optimismus der Resozialisierungsprogramme ruht auf Vorstellungen von einer grundsätzlich für Individuen ertragbaren Gesellschaft auf, in seinen einfacheren Formen auf Vorstellungen von einer relativ homogenen Gesellschaft, bei der, egal auf welcher Position man in ihr steht, das Individuum nur das Richtige tun muss, dann ist die Integration möglich.

Der Zweifel an dieser Vorstellung ist es allerdings, glaube ich, der Sie dazu veranlasst hat, von einem Mythos Resozialisierung oder von Resozialisierung als Illusion zu sprechen. Dieser Glaube ist erschüttert, bei Ihnen, und wohl auch bei zahlreichen Ihrer Klientinnen und Klienten.

Ich muss hier noch eine Unterscheidung einführen, jene zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Folgt man der klassischen Unterscheidung von Tönnies, sind Gemeinschaften vom Willen der einzelnen geprägt, für die Gemeinschaft da zu sein, sich als Teil eines Kollektivs zu sehen. Gesellschaften hingegen werden dadurch zusammengehalten, dass die Individuen sich entscheiden, sich des Kollektivs zum eigenen Nutzen zu bedienen. Gemeinschaft, das ist die Vorstellung eines Staates, einer Nation als harmonisches Ganzes. Eine radikale Ausprägung fand diese Vorstellung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Rede von der „Volksgemeinschaft“ erreichte zwar im politischen Programm des Nationalsozialismus ihren menschenfeindlichen Höhepunkt, sie war aber vorher schon Teil einer weitverbreiteten Vorstellung vom Funktionieren der Gesellschaft. So finden wir den Begriff auch bei Alice Salomon und bei sozialdemokratischen Politikern. Körpernahe Metaphern für die Gesellschaft waren gängig – und sie sollten suggerieren, dass die verschiedenen Schichten – oder Klassen – arbeitsteilig zum Wohle des Ganzen wirken, aufeinander angewiesen seien.

Sozialromantische Bewegungen am Beginn des 20. Jahrhunderts, Träger der sogenannten konservativen Revolution, sahen die persönlichen Bindungen, wie sie sich in den lokalen überschaubaren Räumen der Nachbarschaft entwickeln, als Modell für eine vermeintlich wahre Demokratie. Noch vor der Durchindustrialisierung der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Dorf zum Idealbild der Gesellschaft, und zwar als Gegenmodell zur zerrissenen modernen Gesellschaft, die von Konflikten und Klassengegensätzen geprägt scheint.

Die radikal rassistische Wendung des Begriffs der Volksgemeinschaft ist dann für den Nationalsozialismus charakteristisch. Das Volk, das wird rassisch definiert, und dann kommt alles zueinander. Die Juden sind die Viren, die den Volkskörper angreifen und schwächen und so weiter. Aber das einheitliche, aufeinander abgestimmte Ganze, diese Vorstellung von Gesellschaft als Gemeinschaft, die musste nicht von den Nazi erfunden werden, die war vorher schon da.

Aber kehren wir zurück zum Begriff der Resozialisierung. Natürlich ist es ungerecht, ihn in der Nähe von nationalsozialistischem Gedankengut zu verorten. Seit den 1970er-Jahren steht er für ein ganz anderes Programm, nämlich nicht für die dauerhafte Wegsperrung oder gar Vernichtung von Straftäterinnen und Straftätern, sondern dafür, ihnen noch eine Chance zum Leben in der Gesellschaft zu bieten. Resozialisierung wurde zum optimistischen Gegenprogramm zu einer bloß strafenden Justiz. Resozialisierung steht dafür, die deliktfreie Überlebensfähigkeit der Sträflinge nach Abbüßen der Haft anzustreben. §2 Strafvollzugsgesetz (StVollzG) besagt, dass der Gefangene im Vollzug der Freiheitsstrafe fähig werden soll, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Die Gestaltung des Strafvollzugs und die Behandlungsmaßnahmen sollen diesem Ziel dienen. So gesehen kann Bernd Maelicke 2003 bei einem Seminar der Bundesfachkommission Justizvollzug in Verdi zu Recht sagen, dass es keine Alternative zur Resozialisierung der Gefangenen gebe, und dass dafür ausreichend Personal- und Sachmittel zur Verfügung gestellt werden müssten.

Resozialisierung ist also ein grundvernünftiges Programm. Es richtet das Augenmerk auf die Situation der Gefangenen nach der Entlassung – und es versucht alles zu tun, damit diese dann nicht wieder straffällig werden müssen. Die Basis für das Programm der Resozialisierung im Strafvollzug ist aber, und darüber sollten wir uns keiner Illusion hingeben, die Zwangsgewalt des Staates. Diese Zwangsgewalt kann die Häftlinge zwingen, sich den sozialtherapeutischen Trainings zu stellen, die eine resozialisierungsorientierte Justiz ihnen andient.

Aber Ihre Ausgangsfrage bezog sich nicht nur auf die Resozialisierung, sondern auch die sogenannten Sozialen Probleme. Wenn Resozialisierung eines der staatlichen Programme ist, in denen sich soziale Arbeit i.d.R. gut zurechtfinden kann, so ist der allgemeinere Rahmen sozialarbeiterischer Tätigkeit das Soziale Problem.

Das brauchen wir: dass etwas als Problem formuliert wird, als soziales Problem. Dann können wir uns einer Situation als „Fall“ nähern, dann können wir mit unserem Instrumentarium ansetzen. Die Soziale Arbeit lebt von Sozialen Problemen.

Die Medizin wäre eine vielleicht ganz interessante, aber letztlich auch wenig bedeutende Wissenschaft, wenn es nicht die Krankheiten gebe. Ähnlich geht es der Sozialen Arbeit mit den sozialen Problemen. Während aber die Medizin gleichzeitig eine Wissenschaft des Körpers ist, ist die Soziale Arbeit keine Wissenschaft von der Gesellschaft, vom Sozialen. Dieser Part ist schon von anderen besetzt. Ja sie hat nicht einmal die Autonomie, darüber zu entscheiden, was denn nun ein soziales Problem ist.

Soziale Probleme – und die mehr oder weniger erfolgreichen kriminellen Aktivitäten eines Teils der Bevölkerung sind nur eines davon – werden vom Staat definiert, und vom Staat mit verschiedenen Programmen beantwortet. Mit Programmen der unmittelbaren Machtausübung, dem Einsatz von Polizei und Justiz zum Beispiel. Oder aber mit ökonomischen Programmen, zum Beispiel mit Umverteilung. Oder mit therapeutischen und pädagogischen Programmen.

Was ein Soziales Problem ist, wird politisch entschieden, wird politisch gültig definiert, und wird mit den Mitteln der Politik beantwortet. Die Soziale Arbeit ist Teil dieses staatlichen Kalküls. Sie ist ein relativ selbstständiger Teil, sie macht sich Gedanken über sich selbst und entwickelt selbst ein Set von Techniken und Methoden. Und weil sie ein relativ selbstständiges Subsystem im System des Regierens ist, deshalb steht sie auch in Konkurrenz zu anderen Formen des Regierens. Sie ist überzeugt davon, dass sie die besseren, die demokratischeren und längerfristig wirksameren Methoden anzubieten hat, um den Zusammenhalt der Gesellschaft herzustellen, um Personen zu, ja da haben wir unser Wort wieder, um sie zu resozialisieren.

Wenn man sie lässt, und wenn sich die sozialarbeiterischen Profis nicht selbst in ihrer Funktion missverstehen, dann tun sie das nicht nur durch ihr überredendes oder therapeutisches Einwirken auf ihre Klientinnen und Klienten, sondern durch mindestens so engagiertes Einwirken auf die Umwelt ihres Klientels. Sie kämpfen für die Lebenschancen ihrer Klientinnen und Klienten. Aber sie tun dies in einer schon vorhandenen Umwelt. Sie tun dies unter gesellschaftlich geformten Bedingungen. Sie sind nicht allmächtig.

Eine angemessene Beschreibung dessen, was Soziale Arbeit macht und tendenziell erreichen kann, das liefert uns das im Gefolge von Luhmann von Dirk Baecker entwickelte und nun von Heiko Kleve vertretene Modell einer Sozialarbeit als „Reparatur Sozialer Adressen“. Was ist damit gemeint?

Die heutige Gesellschaft wird nicht durch gemeinsame Werte zusammengehalten, nicht durch die ethnische oder kulturelle Homogenität, sondern durch Funktionssysteme, die recht nüchtern den Zugang zu ihren Leistungen gewähren oder eben nicht gewähren. Jedes Funktionssystem nach seiner eigenen Logik. Die Wirtschaft, das Finanzwesen, das Bildungssystem, das Justizsystem, das Sozialversicherungssystem etc. haben ihre je eigenen Codes, nach denen sie Menschen an ihrer Kommunikation teilnehmen lassen oder auch nicht. Am plakativsten lässt sich das beim Finanzwesen darstellen. Ich habe eine Plastikkarte, mit der ich Geld von einem Konto beheben kann. Ich als Person bin dem finanzsystem aber auch schon so was von gleichgültig. In diesem System werde ich repräsentiert durch eine soziale Adresse. Dort sind eine Reihe von Daten über meine Konten, mein Einkommen etc. gespeichert. Ich bin in die Kommunikationen dieses Systems inkludiert, wenn meine soziale Adresse intakt ist. Dann kann ich nicht nur das mir gehörende Geld abheben, sondern bin sogar kreditwürdig, habe einen Überziehungsrahmen.

Ich merke, dass meine soziale Adresse defekt ist, wenn ich, wie es mir vorige Woche passiert ist, gutgläubig meine Hotelrechnung mit meiner Kreditkarte bezahlen will, und die Rezeptionistin bekommt so einen seltsamen Blick. „Das System“ nimmt meine Karte nicht an. Soziale Adresse defekt. Zu einer ganzen Reihe für mich und meinen Lebensstil wichtigen Leistungen habe ich plötzlich keinen Zugriff mehr. In meinem Fall stellte sich das nach einem Anruf bei der Kreditkartengesellschaft als Leitungsproblem heraus. Mit meiner sozialen Adresse ist alles in Ordnung, versicherte mir meine Gesprächspartnerin.

Mit den sozialen Adressen vieler unserer Klientinnen und Klienten ist gar nichts in Ordnung. Einige von Ihnen arbeiten mit Suchtkranken, andere mit Wohnungslosen. Schaut meist schlecht aus mit den Zugängen zu den Funktionssystemen.

In diesem Modell ist die genuine Aufgabe der Sozialen Arbeit die Reparatur Sozialer Adressen. Und ich halte das für eine außerordentlich zutreffende und realistische Beschreibung dessen, was wir so tun. Für diese Reparatur brauchen wir i.d.R. die Kooperation sowohl der KlientInnen als auch der Funktionssysteme.

Wobei ich sehr großzügig bin bei dem, was ich schon als Kooperation bezeichne. Widerstand kann fürs erste schon eine hinreichende Kooperation sein, die uns das weiterarbeiten ermöglicht.

Was hat das jetzt mit der Lösung sozialer Probleme zu tun? Soziale Arbeit werkt an der fallbezogenen Lösung sozialer Probleme. Soziale Arbeit wird dort eingesetzt, wo generalisierte Programme am Einzelfall scheitern. Sie kann auch keine Erfolgsgarantie geben. Dazu kann sie wesentliche Rahmenbedingungen von Inklusion zu wenig beeinflussen, und zwar sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Bedingungen. Soziale Arbeit hat eine ausgefeilte Technologie der Fallbearbeitung, der Reparatur sozialer Adressen, anzubieten. Und sie gelingt immer wieder ein bisschen. Deshalb wird sie vom staat bezahlt, deshalb ist die Geschichte der Sozialen Arbeit letztlich eine Erfolgsgeschichte. Aber sie steht in Konkurrenz zu anderen Formen staatlicher Reaktion auf soziale Probleme, und wie diese anderen Formen ist sie für sich nicht geeignet, soziale Probleme im Großen zu lösen.


Baecker, Dirk (1994): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Zeitschrift für Soziologie: Heft 2. Stuttgart. S. 93-110.

Kleve, Heiko (1999): Soziale Arbeit als stellvertretende Inklusion. Eine ethische Reflexion aus postmodern-systemischer Perspektive. In: Pantucek, Peter / Vyslouzil, Monika (Hg.): Die moralische Profession. Menschenrechte und Ethik in der Sozialarbeit. St.Pölten.



Ethos und Organisation


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Vielleicht kennen auch Sie solche Kolleginnen und Kollegen, die die Welt nicht in Frage stellen. Die sind scheinbar eins mit der Organisation, in der sie arbeiten, beschäftigen sich sehr gerne mit Fragen der Zuständigkeit, wobei sie charakteristischerweise dazu neigen, sich nicht zuständig zu fühlen. Die Normen der Organisation sind ihre eigenen, außer sie sind zu anstrengend. Das Eigene, das leben sie in ihrem Privatleben aus. Naja, meinen sie halt. Aber über das Privatleben wollen wir hier ja nicht sprechen, sondern über das berufliche Leben, darüber, wie man in unserem Beruf mit sich selbst eins sein kann.

Vorweg: Es gelingt nicht dadurch, dass man den Widersprüchen unserer beruflichen Rolle aus dem Weg geht, nicht dadurch, dass man seine professionelle Rolle reduziert. Wenn wir unsere professionelle Rolle ausfüllen, das heißt auch, sie zu einer existenziell befriedigenden ausgestalten wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als mit Widersprüchen zu leben. Und der allererste, der für die professionelle Rolle konstituierende Widerspruch, das ist unsere doppelte Verpflichtung. Und jetzt kommt nicht, wie Sie vielleicht erwarten mögen, das bekannte sogenannte doppelte Mandat. Nicht die Verpflichtung den KlientInnen einerseits und dem Staat, der Gesellschaft gegenüber.

Ich meine eine andere doppelte Verpflichtung:

Wir sind unserer Profession verpflichtet: Über unsere Entscheidung für dieses Studium, für diese Praxisgemeinschaft der Profis in der Sozialen Arbeit. Das hat etwas mit unserer selbstgebastelten Identität zu tun, ist eine Entscheidung, hier dazuzugehören. Eine Entscheidung, die wir mit der Wahl des Studiums getroffen haben, die wir mit unserem Berufseintritt bekräftigt haben und die uns begleitet, ob wir wollen oder nicht. Denn sobald wir jemandem erzählen, was wir so tun, sind wir konfrontiert mit all den Zuschreibungen und den Erwartungen, die so an VertreterInnen unserer Profession gerichtet sind. Sozialarbeiterin, Sozialpädagoge ist man nicht einfach so wie man Briefträgerin ist. Wegen der Zuschreibungen, wegen dem, wofür wir stehen, ob wir nun dafür stehen wollen oder nicht, müssen wir uns in unserer Identitätsbildung mit unserer professionellen Existenz auseinandersetzen, es sei denn, wir verheimlichen sie, auch das soll es geben.

Den deutlichsten Ausdruck findet diese professionelle Identität im beruflichen Habitus. Der wird ja oft karikiert. In einem frühen Tocotronic-Song ist dieser Habitus gut dargestellt. Im Refrain heißt es da, die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. Da schwingt schon jene Enttäuschung mit, die auch aus Ihren Fragen für diesen Fachtag spricht.

Das Berufsethos ist ein zweites Merkmal der professionellen Identität. Ethos, das klingt wie Pathos. Und tatsächlich hat das berufliche Ethos von Professionen stets etwas – nein, nix pathologisches – aber etwas pathetisches an sich. Das ist ein Bekenntnis, eine feierliche Verpflichtung. In der Sozialen Arbeit wird sie nicht zelebriert, gibt es kein Ritual, in dem man irgendwelche heiligen Verpflichtungen eingeht. Das würde auch nicht wirklich helfen. Was es gibt, ist das Berufsethos, das Teil des beruflichen Habitus ist. Und wenn Sie eine pathetische Formulierung dafür suchen, dann finden Sie sie in der Präambel zum Code of Ethics der amerikanischen National Association of Social Workers:

"The primary mission of the social work profession is to enhance human well-being and help meet the basic human needs of all people, with particular attention to the needs and empowerment of people who are vulnerable, oppressed, and living in poverty. A historic and defining feature of social work is the profession's focus on individual well-being in a social context and the well-being of society. Fundamental to social work is attention to the environmental forces that create, contribute to, and address problems in living.
Social workers promote social justice and social change with and on behalf of clients. "Clients" is used inclusively to refer to individuals, families, groups, organizations, and communities. Social workers are sensitive to cultural and ethnic diversity and strive to end discrimination, oppression, poverty, and other forms of social injustice. These activities may be in the form of direct practice, community organizing, supervision, consultation, administration, advocacy, social and political action, policy development and implementation, education, and research and evaluation.
Social workers seek to enhance the capacity of people to address their own needs. Social workers also seek to promote the responsiveness of organizations, communities, and other social institutions to individuals' needs and social problems."

Ich halte diese Formulierung der Mission der Sozialarbeit bei all ihrem leichten Hang zum Großsprecherischen immer noch für die präziseste am Markt.

Das ist die eine Seite des Widerspruchs. Die andere Seite, das ist die Organisation, für die wir arbeiten, das ist das gesellschaftliche Programm, das die Rahmenbedingungen unserer Arbeit definiert. Das gesellschaftliche Programm – ich habe darüber im ersten Referat gesprochen – das ist das Set an Maßnahmen, mit denen die Politik auf soziale Probleme reagiert. Diese Programme sind meist eine Kombination aus politischen, juridischen, ökonomischen und „weichen“ beraterischen Maßnahmen. Im Rahmen solcher Programme lukrieren die Trägerorganisationen der Sozialen Arbeit ihre Mittel. Diese zweite Seite liegt nicht völlig quer zur Professionalität, aber hier findet sich immer schon alles vorinterpretiert. Vorinterpretiert von der Politik, die die Programme beschlossen, die Mittel zugeteilt und damit auch beschränkt hat, die einen Auftrag formuliert hat. Vorinterpretiert von der Organisation, die pragmatisch auf die Bedürfnisse der Geldgeber reagiert, die administrative Erfordernisse hinzufügt, ihre eigene Geschichte, Spezialinteressen. Und als Organisation will sie auch immer ihr eigenes Funktionieren sichern. Organisationen neigen zur Schematisierung von Abläufen, zu Herstellung vermeintlicher Übersichtlichkeit und Planbarkeit. Für Organisationen ist der Einzelfall wie für staatliche Programme nicht als Einzelfall interessant, sondern als gewöhnlicher Fall.

Das berufliche Ethos ist auf den Einzelfall ausgerichtet, dem mit den Mitteln der Sozialarbeit gerecht zu werden ist. Aus der Sicht der Profession interessiert die Organisation als Instrument. Ein Instrument, das den einzelnen Profis soziales, symbolisches Kapital und Kapital im engeren Sinne, also materielle Mittel zur Verfügung stellt. Ohne die Organisation geht nichts, aber nur nach den Vorgaben der Organisation geht es auch nicht, zumindest nicht gut.

Es ist ein Balancieren erforderlich, will man gute professionelle Arbeit machen. Mit der Organisation, aber immer wieder in Distanz zu ihr, das eigene Berufsethos auf den Fall anwendend, im Fall ausbuchstabierend, was das denn da eigentlich heißen soll: die „human needs“, das „individual well-being in a social context“, und dazu noch das „well-being of society“.

Ich mag diesen Begriff des „well-being in a social context“, weil er so unbestimmt ist. Er bedarf im Fall und am Fall immer erst der Konkretisierung. Er versteht sich keineswegs von selbst. Was kann unter den gegebenen Umständen wohl das Wohlergehen sein?

Seit einiger Zeit verfolge ich den Weg einer nun 15-jährigen Jugendlichen, nennen wir sie Anna. Sie ist mit 13 in der Drogenszene gelandet, von zu Hause ausgerissen, vielleicht eine Geschichte des sexuellen Missbrauchs hinter sich habend, so genau wissen wir das nicht. Zuerst waren die anderen Klienten zu den Streetworkern gekommen und haben gesagt: „Um Gottes willen, macht´s was, das kann doch nicht sein, dass so ein Kind schon auf der Straße ist.“ Das war eine interessante Reaktion. Es zeigt, dass sie ihre eigene Lebensweise keinem Kind empfehlen würden. Mitgesagt wurde hier: Es gibt doch andere Optionen, vielleicht nicht mehr für mich, aber für eine 13-jährige muss es doch noch andere Optionen geben.

Anna war nur manchmal überhaupt einem Gespräch zugänglich. Meist zugedröhnt, sehr arg zugedröhnt. Nur abfälliges Gerede über ihre Mutter, über einige andere Personen ihres familiären Umfelds. Und wie es so ist, bald in der Abhängigkeit nicht nur von diversem Stoff, sondern auch von Männern aus der Szene. Einer kristallisierte sich dann als Dauerpartner heraus. Einer, der sie eifersüchtig verfolgte, schlug, vergewaltigte. Wahrscheinlich tut er das alles, wir erahnen es nur. Es wird von Anna einmal erzählt, dann wieder widerrufen. Wir sehen ihre Verletzungen. Sie hängt an ihm, er ist ihr Anker in der Welt. Wie es scheint, der einzige Mensch, dem sie etwas wert ist. So sieht sie es.

Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um Anna, über das Maß hinaus, das üblicherweise Klienten an Aufmerksamkeit geboten wird. Sie erlaubt ihr, auch außerhalb der Beratungszeiten zu kommen, ist froh, Anna wenigstens hin und wieder in halbwegs klarem Zustand sprechen zu können. Macht mit ihr einmal einen Kinotermin aus. Anna freut sich auf diesen Luxus, auf die Zuwendung, die sie hier erfährt, auf das Abenteuer eines normalen Kinobesuchs – und erscheint dann natürlich nicht am vereinbarten Treffpunkt. Ich denke, Sie kennen solche Klientinnen, solche Klienten.

Die Sozialarbeiterin versucht, Kontakt mit der Mutter aufzunehmen, die ist abweisend, will nichts mehr von ihrer Tochter wissen. Eine große Kälte geht von dieser Mutter aus, sagt sie. Und doch nimmt die Mutter für einige Tage ihre Tochter bei sich auf, bis die wieder flüchtet zu ihrem Freund. Der schlägt sie und sie läuft ihm nach. Und so weiter, immer das Gleiche.

Er prügelt sie öffentlich, einige Junkies sehen das und kommen aufgeregt zu den Sozialarbeiterinnen, man müsse den doch anzeigen, man könne doch kein Mädchen so prügeln. Sie ist benommen, aber zur Polizei, da geht sie sicher nicht hin, und schon gar nicht, um gegen den einzigen Menschen auszusagen, dem sie etwas bedeutet. Kurz darauf wieder ein Streit, vor einigen Zeugen, darunter zwei Sozialarbeiterinnen, und Anna schlägt dem Angreifer eine Platzwunde. Der tobt, die Sozialarbeiterinnen rufen die Polizei, der es gelingt, die Streitenden zu trennen.

Und nun ist es die Polizei, die den Sozialarbeiterinnen den Ball zuspielt. Werden sie als Zeuginnen aussagen? Sie können das selbst entscheiden, die Organisation gab ihnen zu verstehen, dass sie in jedem Fall Rückendeckung bekommen, bei einer Aussage ebenso wie bei einer Entschlagung von der Aussage.

Vielleicht noch einiges zur Situation der Sozialarbeiterin, die sich in den letzten beiden Jahren besonders um Anna gekümmert hatte. Sie wurde deshalb mehrfach im Team kritisiert: So eine teils nachgehende Betreuung passe nicht zum Konzept. Man könne nicht außerhalb der Sprechstunden Klienten empfangen, das hätte eine üble Beispielwirkung. Die Kollegin liefere sich allzu sehr Anna aus. Unmut erregte auch, dass Anna gezielt nach ihrer Sozialarbeiterin gefragt habe und nicht mit anderen sprechen wollte, wenn ihre Vertrauensperson nicht Dienst hatte. Solche persönlichen Beziehungen passen auch nicht zum Konzept.

Und das Schlimmste: Die Kollegin hatte Anna ihre Handynummer gegeben. Für den Fall der Fälle, als eine Sicherung für Notfälle. Anna hat diese Nummer zwar bisher kaum benutzt, aber das Team sah bereits die notwendige professionelle Distanz gefährdet.

Wieso erzähle ich Ihnen diesen Fall? Mich interessiert vor allem das Vorgehen der Kollegin, und mich interessiert die Reaktion des Teams. Man könnte hier von einem Konflikt sprechen zwischen den Regeln der Organisation, repräsentiert durch das Team, und einer intensiven Sorge der Kollegin um eine Klientin. Eine Sorge, die nicht einmal durch besondere Erfolge legitimiert ist. Oberflächlich betrachtet ist nichts weitergegangen in dieser Sache. Anna ist immer noch in der Drogenszene, ist zwar derzeit substituiert, befleißigt sich aber eines kräftigen Beikonsums, sie ist immer noch von ihrem wahnsinnigen Lover abhängig. Es ist, so scheint es, nichts weitergegangen. Trotz der, gemessen am üblichen Angebot der Einrichtung, intensiven Unterstützung.

Wenn Sie mich fragen, hat die Kollegin nichts falsch gemacht, sondern immer alles richtig. Sie hat Anna jene Aufmerksamkeit zukommen lassen, die eine Jugendliche benötigt, und in einem Ausmaß, das wahrlich nicht übertrieben ist. Und sie hat Professionalität richtig inszeniert, nämlich immer wieder auch formale Abstinenzregeln fallbezogen uminterpretiert.

Das Team hat eine seltsame Rolle gespielt. Es hat stets mit dem Konzept argumentiert, es hat sich stets auf die Aufgaben berufen, die diese Organisation hat: Beobachtung der Szene, einfache Hilfen wie Spritzentausch und kurze Beratungen, aber keine individualisierten Prozesse der Begleitung. Keine Begleitung im umfassenden Sinne, auch keine kleinen Begleitungen. Man geht nicht mehr mit KlientInnen aufs Amt oder zum Arzt. Es soll auch keine persönliche Beziehungsarbeit gemacht werden. Keine Zeit dafür, und schließlich sei es ja Teil von Professionalität, sich abzugrenzen. So auch der Vorwurf an die Kollegin: sie sei zu stark involviert, sie könne sich nicht abgrenzen.

Ich will mit diesem Fall meinen zweiten Input abschließen. Er lässt einige Fragen offen, und das ist, denke ich, gut so. Wir haben es mit einem Fall zu tun, der offen bleibt, mit einem wenig erfolgreichen Fall, und mit der Frage nach der Professionalität.


National Association of Social Workers - NASW (1996): Code of Ethics. Washington D.C.

Rosenfeld, Jona / Sykes, Israel J. (1998): Toward `good enough´ services for inaptly served families and children: barriers and opportunities. In: European Journal of Social Work Vol.1, No. 3. S. 285 - 300.


Parteilichkeit und der staatliche Auftrag

Ist das, was die Kollegin mit Anna gemacht hat, parteiliches Arbeiten gewesen? Ist es das weiterhin, auch jetzt, wo sie sich zur Aussage entschieden hat und damit eine Bestrafung von Anna riskiert?

Es ist und es ist nicht. Es ist parteilich so, wie Sozialarbeit parteilich sein soll: sich kümmernd um die Klientin, fürsorglich insistierend, auch dann, wenn Anna gerade auf Distanz gehen will. Diesen Distanzwunsch respektierend, aber doch immer wieder in Frage stellend. Da muss man nicht sagen, „es ist nur zu deinem besten“, da reicht die Feststellung, dass ich dich jetzt kennengelernt habe und dass du da auch hinnehmen musst, dass ich mich für dich interessiere. Ich. Ich als professionelle Person. Ich als Sozialarbeiterin mache mir Sorgen um dich.

Und indem ich mir Sorgen um Dich mache, macht sich die Gesellschaft Sorgen um Dich. Immer, wenn wir in unserer professionellen Rolle auftreten, treten wir nämlich als VertreterInnen der Gesellschaft auf. Sie bezahlt uns schließlich, irgendwelche politischen Instanzen haben beschlossen, so Typen wie mich dafür zu bezahlen. Das ist der Ausgangspunkt, das wissen die KlientInnen, so sehen sie uns, und wenn sie das nicht oder nicht mehr so sehen, dann haben wir einen Fehler gemacht oder sie sind sozial noch viel inkompetenter, als wir ohnehin gedacht haben, dass sie sind.

Wenn wir die Gesellschaft repräsentieren, dann wird uns Parteilichkeit für diese Gesellschaft zugeschrieben. Für jene, die „draußen“ sind, wenn wir schon dieses Wort verwenden wollen, also jene, die von mehreren Funktionssystemen exkludiert sind, sind wir jedenfalls vorerst Vertreterinnen und Vertreter des „drinnen“. Sind Leute mit Zugang.

Wir repräsentieren eine Möglichkeit des Lebens in der Gesellschaft – aber eines Lebens, das für die allermeisten Ihrer KlientInnen sehr weit entfernt ist, so nicht erreichbar. Wir sind Fremde, und wir müssen es sein.

Es ist sinnlos, sich vorzustellen, diese Fremdheit könnte aufgehoben werden oder bestehe gleich gar nicht. Wir leben mit dieser sozialen Distanz, sie ist Voraussetzung unserer Arbeit und gleichzeitig eine dauernde Behinderung, weil sie Verstehen so schwierig macht. Sie muss punktuell überwunden werden, und wir schaffen das mit 2 Instrumenten: Mit unseren Techniken des Gesprächs und der Annäherung, und mit unserem Mensch-Sein. Beides sind berufliche Formen, doch das zweitere berührt unsere Persönlichkeit, unsere Individualität intensiver. Ich will es erklären.

Wenn wir die Situation, in der die KlientInnen leben und agieren, begreifen wollen, als Lebenssituation begreifen wollen, dann müssen wir auf das zugreifen, was sie und uns ähnlich macht. Wir müssen potenziell ihre Lebenssituation, ihre Biografie, als mögliche eigene Biografie, als mögliche eigene Lebenssituation verstehen. Wir setzen uns ein Stück an ihre Stelle.

Ganz ohne diesen Versuch funktioniert Sozialarbeit nicht. Aber gleichzeitig sehen wir uns dabei zu, wie wir das tun, und schütteln den Kopf dabei, wissend, dass es eine Illusion ist, dass es nicht gelingen kann, dass ein hinreichend großer Rest des Nicht-Verstehens bleibt und dass es anmaßend ist, zu glauben, ich könnte die Perspektive der KlientInnen einnehmen.

In seinen einfachen Formen führt dieses „Denken an der Stelle der KlientInnen“ zu übler Besserwisserei. Glaubend, begriffen zu haben, worum es geht, meinen wir zu wissen, was die KlientInnen zu tun haben. Der Unmut wächst, wenn sie dann doch ganz anders tun. Eine andere Form des Scheiterns beim Perspektivenwechsel ist jene: Man denkt sich in die Lage der KlientInnen, und kaum dort angekommen, befällt uns das Selbstmitleid. Man fühlt sich als Opfer und man sieht die KlientInnen nur mehr als Opfer.

Beide Varianten eines zu kurzen Verstehens, einer Überschätzung unserer Fähigkeiten des Verstehens, führen zu schlechter Sozialarbeit, in der Regel auch zu schlechten Ergebnissen.

Man kann das auch als Mangel an Respekt beschreiben. Respekt, das ist das Bewusstsein von der sozialen Distanz, der Unüberwindbarkeit der Distanz zwischen Du und Ich, bei gleichzeitiger Anerkennung des Anderen als komplexem Gattungswesen wie ich. Respekt ist eine notwendige Bedingung für das Gelingen von Sozialer Arbeit. Und Respekt heißt immer, die anderen in ihrer eigenen Widersprüchlichkeit, Autonomie und Eigenverantwortung anzuerkennen. Anzuerkennen in dem, dass sie uns letztlich unzugänglich bleiben.

Ich bin vom Begriff der Parteilichkeit ausgegangen. Und ich habe diesen Teil meines Referats mit einer Frage überschrieben, nämlich mit der Frage, ob Parteilichkeit eigentlich ein gutes Wort ist für das, was wir tun.

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein gutes Wort ist – na ja, eigentlich bin ich mir sicher, dass es kein so gutes Wort ist. In seinem brauchbaren Bedeutungsgehalt drückt es etwas Selbstverständliches aus, nämlich dass wir unsere Tätigkeit als eine Tätigkeit im Interesse unserer KlientInnen verstehen und dass wir sie an diesen Interessen auch messen müssen. Wie haben das die amerikanischen KollegInnen formuliert:

„Social workers seek to enhance the capacity of people to address their own needs. Social workers also seek to promote the responsiveness of organizations, communities, and other social institutions to individuals' needs and social problems.“

und:

„A historic and defining feature of social work is the profession's focus on individual well-being in a social context and the well-being of society.“

Das „individual well-being in a social context“, da ist es. Da ist es formuliert, was den Kern der Sozialen Arbeit ausmacht: das Individualisieren und der soziale Kontext.

Das Wort von der Parteilichkeit unterstellt, dass diese Aufgabe mit einer radikalen Entscheidung, „sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen“ zu lösen sei, und da hege ich so meine Zweifel. Schon deswegen, weil das so einfach nicht geht. Die Selbstgerechtigkeit ist da allzunahe. Wie stelle ich mich auf die Seite meines wohnungslosen Klienten? Indem ich seinen überbordenden Alkoholkonsumlobe? Indem ich ihm beim Streit mit anderen helfe? Indem ich ihm alles glaube, was er mir so erzählt?

Parteilichkeit ist nicht einfach. Parteilichkeit ist nur dort relativ einfach, wo es um allgemeinere advokatorische Aufgaben geht. Wir werden für die Inklusion unserer KlientInnen streiten. Dafür, dass sie Zugang zu den Leistungen des Gesundheitswesens erhalten, dass sie Arbeit bekommen können, dass sie für ihre Schwächen nicht mit Leistungsentzügen bestraft werden. Wir werden für funktionierende soziale Adressen kämpfen, allgemein und im Einzelfall.

Und wenn Ihnen das Wort Parteilichkeit dabei hilft, diese Aktivitäten zu begründen, so können sie es schon verwenden. Aber wir machen all diese Aktionen nicht in erster Linie als gute Menschen, die sich dafür entschieden haben, ein Leben im Dienste der Unterdrückten zu führen. Wir machen es als bezahlte Agentinnen und Agenten der Gesellschaft, deren Mitglieder wir sind, und wir machen das auch im Interesse der Gesellschaft. Es ist unsere Funktion, diesen Teil der gesellschaftlichen Probleme zu bearbeiten. Wenn man so will, sind wir TechnologInnen der Inklusion, wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft.

Oder so:

Sozialarbeit steht für eine individualisierende (subjektorientierte), akzeptierende (lebensweltorientierte), dialogische und somit sanfte Steuerung. In ihren besten Modellen unterstützt sie die organisierte Artikulation der Interessen ihrer Zielgruppen. Das ist dialektisch zu sehen: Eben dadurch, dass sie über beruflichen Ethos eine reine Steuerungsaufgabe verweigert, erfüllt sie ihre spezifische Steuerungsfunktion. Sie arbeitet mit der Paradoxie des Rufes von oben nach Selbststeuerung der Individuen. Methodisch geht sie davon aus, dass ihre KlientInnen sich schon selbst steuern, dass sie also schon dort angelangt sind, wo sie hinsollen. Nur so gelingt es ihr, Ermöglichung von Selbststeuerung auch als Anforderung an die soziale Umwelt der KlientInnen zu formulieren.

Bardmann (2001) schreibt von der „Schmuddeligkeit“ der Sozialarbeit, von „Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft“. Er betrachtet ihre Fähigkeit, sich nicht festlegen zu lassen, als Bedingung ihrer Möglichkeiten. Man könnte sagen, Sozialarbeit tut, was sie tun soll, und tut es doch nicht. Versuche, sie dazu zu bringen, dass sie endlich tut, was sie tun soll, würden dann dazu führen, dass sie nicht mehr tun kann, was sie soll. Oder anders: Wenn Sozialarbeit nur mehr Teil der Regierung ist, verschwindet sie als Profession.

Derzeit läuft die Soziale Arbeit Gefahr, ihre spezifische Funktion aufzugeben. Und zwar gerade deshalb, weil manche Institutionen der Sozialen Arbeit allzu eilfertig versuchen, ihrem vermeintlichen gesellschaftlichen Auftrag nachzukommen. Wenn Soziale Arbeit genau das macht, was die Politik von ihr verlangt, wird sie bald entbehrlich sein. Nur dann, wenn sie die Vorgaben der Politik zwar zur Kenntnis nimmt, aber unterläuft, bleibt sie nützlich. Sie funktioniert, weil sie nicht in erster Linie kontrollierend, bürokratisch und pädagogisch ist. Sie bekommt Geld, weil sie auch kontrollierend, bürokratisch und pädagogisch ist. Sie ist Teil des Regierens, daher kann sie weiterhin sein. Sie ist besonders wirksam, wo sie ihre Existenzbedingungen unterläuft. Und jene Sozialarbeitswissenschaft, jene sozialarbeiterische Praxis ist klug, die diesen Widerspruch, diese Dialektik im Blick behält.


Bardmann, Theodor M. (2001): Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft. Soziale Arbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster. In: Das gepfefferte Ferkel. Online-Journal für systemisches Denken und Handeln November 2001: http://www.ibs-networld.de/ferkel/von-foerster-05.shtml am 8.3.2002.

Bratic, Ljubomir / Pantucek, Peter (2004): Sie haben ein Problem. Soziale Arbeit als Form des Regierens. In: Fachhochschule St.Pölten (Hg.): FACTS Band 2, Der gläserne Mensch – Europäisierung. Wien. S. 35-50.