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Arbeiten am Alltag - Sozialarbeit als Normalisierungsagentur

Referat am Symposion des Mobilen Beratungsdienstes 1996 10 04

Peter Pantucek

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich möchte zuerst den Kolleginnen und Kollegen des Mobilen Beratungsdienstes zum Jubiläum ihrer Einrichtung gratulieren. Es ist heute nicht selbstverständlich, dass eine soziale Institution Gelegenheit zu einer selbstbewussten Feier hat. Besonders erfreulich ist aus meinem Blickwinkel, dass hier auch die Zusammenarbeit von Professionen über lange Jahre stattfindet, deren Kooperation nicht immer und überall so gut funktioniert.

Ich stehe hier als Sprecher der Sozialarbeit, der Profession, deren Sozialprestige wohl das geringste der beteiligten ist, und deren Aufgaben am unklarsten scheinen. Ich will zu zeigen versuchen, dass dies paradoxe Gründe hat, dass es die spezifische Zugangsweise der Sozialarbeit zu den Problemen ihres Klientels ist, die das Expertentum der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter manchmal unsichtbar zu machen scheint.

Das hat damit zu tun, wie die Sozialarbeit ihren Gegenstand definiert und in den Griff zu bekommen sucht. Was ist ihr Gegenstand? In der aktuellen sozialarbeitswissenschaftlichen Diskussion werden zwei Antwortvarianten angeboten: Die erste Antwort lautet, Sozialarbeit beschäftigt sich mit ‹sozialen Problemen"; mit ihrer Entstehung, Struktur, und dem Versuch der Lösung. Sie macht das vor Ort und fallbezogen. Was ist ein soziales Problem? Das definiert in aller Regel nicht die Sozialarbeit, sondern das entscheiden die Betroffenen, deren Umfeld, der gesellschaftliche Diskurs. Folgerichtig beauftragt sich Sozialarbeit auch nicht selbst, sondern benötigt einen &endash; in aller Regel öffentlichen &endash; Auftraggeber. Dem Auftrag an die Sozialarbeit geht ein gesellschaftlicher, also politischer, Entscheidungsprozess voraus. Bei den Entscheidungen konkretisiert die Gesellschaft, welche ihrer Werte sie für wichtig erachtet, welche Lebenslagen ihrer Mitglieder mit gesellschaftlicher Hilfe beantwortet werden sollen. Diese Wertentscheidungen sind Entscheidungen der Gesellschaft und müssen Entscheidungen der Gesellschaft sein, und sie müssen Wertentscheidungen sein. Sie haben objektive Voraussetzungen, sind als Entscheidungen aber subjektiv und politisch. Im Diskurs darüber, welche Lebenslagen und Personengruppen unterstützt werden sollen, sind die SozialarbeiterInnen nur ein Diskurspartner unter vielen anderen. Ihre Expertise kann auf Lebenslagen und deren Problematik hinweisen, was die gesellschaftliche Wertentscheidung betrifft, argumentieren sie jedoch auch nur als StaatsbürgerInnen, nicht als ExpertInnen. In ihrer professionellen Tätigkeit arbeiten sie sich dann fallbezogen an dem ab, was politisch als soziales Problem definiert worden ist. Die amerikanische funktionalistische Schule der Sozialarbeit beschreibt die social workers als AgentInnen der Gesellschaft, die auf vorgeschobenem Posten Verhandlungen mit jenen Personen führen, die &endash; aus welchem Grund auch immer&endash; am Rande der Gesellschaft stehen, und ihnen Unterstützung und Integrationsmöglichkeit anbieten. Die Kenntnisse der Professionellen über die Lebensbedingungen an diesem Rand, ihre Kenntnis der Sprache des Randes, aber auch der Wege der Integration, macht sie unentbehrlich. Nur sie können diese Verhandlungen erfolgreich führen.

Ein zweiter Ansatz, den Gegenstand der Sozialarbeit zu beschreiben, geht vom Begriff des Alltags aus. Wenn Alltag das ist, was nicht nur grau, sondern auch selbstverständlich ist, rhythmisiert, routinisiert, vertraut, fraglos, das, worin man sich auskennt und worin man sich zurechtfindet, so ist funktionierender Alltag genau das, was subjektiv unproblematisch ist und daher keiner professionellen Hilfe bedarf. Sozialarbeit wäre dann die Profession, die dort auf den Plan tritt, wo für Betroffene eben nicht mehr Alltag herrscht, wo Teile des eigenen Lebens fremd und unübersichtlich, unverstehbar und unbearbeitbar werden. Die Aufgabe der Sozialarbeit wäre, durch Beratung und durch praktische Intervention dort wieder bewältigbaren Alltag zu schaffen.

Ich bevorzuge diese Sichtweise, denn sie scheint mir stärker an den Betroffenen, an den KlientInnen und Klienten orientiert, und sie gibt eine Richtschnur für das fallbezogene Handeln. Meines Erachtens kann sie auch einige Spezifika der professionellen Tätigkeit der SozialarbeiterInnen gut erklären, wie ich Ihnen zeigen will.

Menschen wenden sich an soziale Einrichtungen, wenn ihre alltäglichen Routinen zusammenbrechen, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Repertoire an Erklärungsversuchen inadäquat und erschöpft ist. Sie sind mit einer Lebenssituation konfrontiert, die ihnen fremd ist, die Angst macht, zu der sie keine Stellung beziehen können. Vielleicht fehlen ihnen Erklärungsmuster, vielleicht das Orientierungswissen über die Wege, die ihnen nun auch offenstehen würden. Vielleicht erscheint ihnen ihre neue Lebenssituation nur als ungerechter Schicksalsschlag und sie können sich noch nicht vorstellen, wie sie wieder zu einem‹normalen" Leben finden können. Ihr Leben wurde problematisch und damit unalltäglich.

Sozialarbeit bearbeitet nun genau diesen Fragenkomplex. Es soll für die KlientInnen wieder Alltag werden, das heißt, sie sollen mit ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten, auskommen und sich zurechtfinden. Nicht das Defizit, die‹Störung" steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Möglichkeiten der Bewältigung, der Veralltäglichung, der Orientierung in der gegebenen Lebenssituation.

Es dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass ich hier über einige Merkmale der Situation von Eltern behinderter Kinder gesprochen habe. Aber zahlreiche andere Lebenssituationen haben eine ähnliche Anforderungsstruktur und halten für die Betroffenen ähnliche Schwierigkeiten und Aufgaben bereit.

Die Strategie der Sozialarbeit ist nun eine doppelte: Zum einen gilt es, mit den Betroffenen und ihrer Sicht der Situation zu arbeiten. Zum anderen kann ihre Situation beeinflusst werden. Sozialarbeit ist eine Beratungsprofession, aber sie beschränkt sich nicht darauf. Sie interveniert im Umfeld der KlientInnen, verhandelt dort, aktiviert Ressourcen, versucht aktiv ein günstiges Klima für die Betroffenen zu schaffen. Aus einer feindlichen Umwelt soll (zumindest partiell) eine neutrale, aus einer neutralen eine freundliche und unterstützende werden. Oder, wie es die Sozialarbeitstheorie formuliert, der Blickpunkt der Sozialarbeit umfasst stets die‹Person in der Situation".

Sowohl der Beratungsfokus als auch der Interventionsfokus der Sozialarbeit ist dabei alltagsorientiert. Das ‹Kleine", das ‹Praktische", das‹Konkrete" ist ihr ureigenster Bereich. Eine schwierige Situation bewältigen zu lernen, heißt, zu wissen, was zu tun ist. Es geht um Schritte zur Wiedereroberung der Handlungsfähigkeit, um die Überwindung der Erstarrung und Planlosigkeit.

Eines der wichtigsten Instrumente der Sozialarbeit ist die Technik des Normalisierens. Darunter ist zu verstehen, dass an der Entdramatisierung von Situationen gearbeitet wird, die Betroffenen und/oder deren Umfeld vorerst als abnormal, als fremd erscheinen. Auf den ersten Blick mag das zynisch wirken. Schließlich sind es nicht die außerordentlichen Glücksfälle des Lebens, mit denen Sozialarbeit zu tun hat, sondern im Gegenteil die außerordentlichen sozialen Unfälle. Doch auch diese erfordern, dass die Menschen, die mit ihnen zu tun haben, sie vorerst einmal als Ausgangspunkt ihres Handelns akzeptieren. Für die Betroffenen selbst heißt das, sich die Kraft des Realismus zu erobern. Mein Schicksal, meine Lebenssituation ist wie sie ist. Ich werde Schritt für Schritt lernen, in dieser Situation zu agieren, mit ihr zurechtzukommen, dann ist vielleicht auch eine Änderung möglich. Coping-Strategien sind zu erarbeiten.

Die sozialarbeiterische Beratung nimmt diese Haltung vorweg. Sie inszeniert das Problem als eine lebenspraktische Aufgabe. Nicht eine umfassende Diagnose ist das wichtigste, sondern der Fokus liegt auf den Schritten, die jetzt möglich sind. Bei allem auch gezeigten Verständnis für die Gefühle der Betroffenen wird doch immer auch signalisiert, dass ihre Probleme ‹den Umständen angemessen" sind, insofern sozusagen normal, verständlich. Und dass auch unter diesen Umständen Handeln und Leben möglich ist. Die Sozialarbeit beharrt methodisch auf der Subjektivität der Menschen, auf ihrer Individualität und Menschlichkeit in dem Sinn, als Menschen auch unter ungünstigen Bedingungen nie bloß Opfer ihrer Umwelt sind, sondern so etwas wie ein‹autonomes Zentrum" haben. Sie können sich aktiv zu den Bedingungen verhalten, unter denen sie leben. Dieses autonome Zentrum suchen SozialarbeiterInnen anzusprechen, es ist ihr Bündnispartner.

Die Strategie des Normalisierens wird auch gegenüber den Personen und Institutionen aus der Umwelt der KlientInnen angewandt. Solange Not, menschliche Ausnahmesituationen, Randgruppen existieren und produziert werden, wird die Gesellschaft auch damit leben müssen und werden Menschen damit leben müssen, dass in ihrem sozialen Umfeld solche Unerfreulichkeiten auftreten. Die Arbeit von SozialarbeiterInnen im sozialen Umfeld von Betroffenen zielt darauf ab, dass nicht Empörung und Isolation zu den dominanten Erscheinungen werden, sondern dass die sozialen Schwierigkeiten der Betroffenen von ihrem Umfeld als‹normale" Anforderungen aufgefasst werden. Aus der Aufregung, eventuell dem Schock, soll unterstützendes Handeln oder zumindest Akzeptanz erwachsen.

Der Erfolg der sozialarbeiterischen Interventionen sowohl bei den Betroffenen als auch in deren Umfeld hängt wesentlich davon ab, dass die von den Professionellen angebotenen Erklärungsmuster und Wege alltagskompatibel sind. Das heißt, dass sie nicht als Expertendiagnose erscheinen, sondern als naheliegende und selbstverständliche Sichtweisen, Hinweise, Wege. Erfolgreiche Intervention verschwindet im sich neu konstituierenden Alltag der KlientInnen und ihres Umfelds. Sie wird unsichtbar und ununterscheidbar von den Bemühungen und Leistungen der Betroffenen selbst.

Das liegt daran, dass Sozialarbeit als alltagsorientierte Expertenschaft ihre Diagnosen, Hinweise und Orientierungshilfen in einer Alltagssprache formulieren muss. Ihr geht der Jargon ab, der so oft Ausweis, Symbol für Expertentum ist. Und Sozialarbeit in ihrem methodischen Selbstverständnis knüpft am Standort der Betroffenen an. Sie inszeniert nicht die große Differenz des Laienwissens zum Expertenwissen. Im Gegenteil: Gerade in der Anerkennung des Expertentums ihrer KlientInnen in Sachen eigener Lebenswelt findet sie ihren professionsspezifischen Zugang.

Dieser Zugang ist pragmatisch und nüchtern in einem. Pragmatisch, weil er das Machbare sucht, nüchtern, weil er über die Beschränktheit seiner Möglichkeiten Bescheid weiß.

Der Vorwurf der Handwerkelei liegt hier nahe. Tatsächlich sind es Elemente des Handwerks, die sozialarbeiterische Berufstätigkeit prägen. Elemente einer am gerade definierten Problem orientierten Arbeitsweise, die nach passendem Werkzeug sucht. Nach naheliegenden Ressourcen der Gesprächstechnik, nach leicht zugänglichen materiellen Unterstützungen, nach anderen Experten, die Teilaufgaben übernehmen könnten. Sozialarbeit am Fall sucht nicht nach dem genialischen Lösungsentwurf, sondern nach dem für die KlientInnen leicht gangbaren Weg, der ihnen möglichst weiterhin Optionen offen lässt oder eröffnet. Das Problem muss nicht gelöst werden, muss sich nicht auflösen, sondern es muss bloß handhabbar gemacht werden.

Die Nüchternheit in der Sozialarbeit ist ein Element der Unaufgeregtheit. Bei konsequentem Realismus ist doch keine Lage so, dass sie völlig hoffnungslos wäre. Sozialarbeit versucht alle &endash; auch unerfreulichen&endash; Elemente der Situation zu sehen, ohne dass sie jetzt thematisiert werden müssten. Die Nüchternheit ist die Tugend der Professionellen. Sie wird nicht von den KlientInnen verlangt.

Wenn ich nun den professionellen Zugang der Sozialarbeit, ihren Habitus in der Arbeit mit den KlientInnen, als alltagsorientiert, mit alltagssprachlichen Erklärungen arbeitend, pragmatisch-handwerklerisch und nüchtern beschrieben habe, so mögen sich manche die Frage stellen, wozu dafür ExpertInnen nötig sind. Der Alltag ist doch gerade per definitionem der Ausschnitt der Welt, in dem wir alle leben, der das Gewöhnliche und Zugängliche, das Fraglose darstellt. AlltagsexpertInnen sind wir alle, und Lebensweisheiten kennen wir auch alle. Es müsste doch möglich sein, dass bei etwas mehr Solidarität und Ehrenamtlichkeit sich die professionelle Sozialarbeit erübrigt.

Diese Sichtweise hat auf den ersten Blick etwas für sich, und erweist sich doch theoretisch wie empirisch als Irrtum. Bleiben wir zuerst bei der Empirie. Wir erleben das Überengagement ehrenamtlicher HelferInnen, das in Enttäuschung umschlägt, wenn sich die erhofften Erfolge nicht einstellen. Wir wissen wie schwierig es ist, eine helfende Beziehung so zu gestalten, dass sie die HelferInnen nicht auffrisst und den KlientInnen die Chancen einer selbständigen Entwicklung ermöglicht. An diesen Schwierigkeiten scheitert das eine oder andere Mal auch ein ausgebildeter Sozialarbeiter, obwohl er die Dynamik grundsätzlich kennt. Wo die Helferrollen einigermaßen abgegrenzt und in ihren Aufgaben klar sind, können Laien die Aufgaben bewältigen. In der thematisch offenen Arbeit der professionellen SozialarbeiterInnen benötigt dies offensichtlich theoretisches Wissen, die Kenntnis von Techniken des Gesprächs und der Beziehungsgestaltung, eine unterstützende Berufskultur, Berufsethik und ein gerüttelt Maß an Reflexivität. Gibt´s das nicht, so ist ein Qualitätsverlust unausweichlich. Auf der Strecke bleiben nicht nur die KlientInnen, sondern oft auch überforderte Laien mit ihrem falsch eingesetzten ehrenamtlichen Engagement.

Soweit die Empirie. Die Theorie hat den Mythos vom expertenfreien Alltag schon längst begraben. Die Moderne, der zweite Schub der Individualisierung in der zweiten Hälfte dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts, haben die Alltagsinszenierungen vieler Menschen schwierig und unsicher gemacht. Wenig versteht sich von selbst, und (selbsternannte und wirkliche) ExpertInnen reden in jedem gewöhnlichen Alltag schon selbstverständlich mit. Wie man Kinder erzieht, Blumen gießt und die Beziehung gestaltet, ist Gegenstand von unüberschaubarer Beratungsliteratur; Psychotherapeuten geben zur Frage, wie man sein Leben, seine Scheidung, seine Karriere verstehen und inszenieren soll, Statements in den Medien ab. All das trifft auf Interesse. Die Alltagssprache hat bereits zahllose Floskeln des Expertenjargons (auch des psychologischen) übernommen. Alltagssprache und Alltagswissen sind durchsetzt mit dem Abfall der Theorieproduktion.

Die Menschen bedienen sich all dessen zur Unterhaltung und zur Orientierung. Das ist so banal wie legitim. Daneben haben selbstverständlich auch heutige Menschen Freunde, Verwandte, Personen in ihrem lebensweltlichen Umfeld, denen sie ihre Sorgen erzählen und bei denen sie sich Rat holen können. Die Sozialeinrichtungen kommen erst dort ins Spiel, wo dieser lebensweltliche Rat und das allgemeine Gewäsch der breit veröffentlichten Psychotherapie oder Astrologie eben nicht mehr ausreicht. Es geht dann eben um wirkliche Probleme und Lebenskrisen.

Treffen sie dann in der Institution wieder nur &endash; bildlich gesprochen &endash; ihre Tante, dann könnte man sich den Aufwand sparen. Es muss jemand sein, der mit dem komplizierten Geflecht von Beziehungen, Problemdefinitionen, Problemen, materiellen und psychischen Verhältnissen umgehen kann und &endash; jetzt wiederhole ich mich&endash; diese pragmatischen Alltags- und LebensweltexpertInnen müssen das gelernt haben. Noch dazu, wo SozialarbeiterInnen oft mit ihren KlientInnen die durch Spezialisten aufgetretenen Irritationen aufarbeiten, in einen Sinnzusammenhang bringen müssen.

Ich habe nun nicht nur die Eigenart sozialarbeiterischer Herangehensweise zu beschreiben versucht, sondern auch die Unersetzbarkeit der SozialarbeiterInnen als ExpertInnen angedeutet. Mich beschleicht dabei ein eigenartiges Gefühl, denn die VertreterInnen der PsychologInnen- und MedezinerInnenzunft kommen wahrscheinlich nicht in die Verlegenheit, ihre Existenzberechtigung erklären zu müssen. Sie können in ihrer Sprache über von ihnen definierte Probleme sprechen. Ich bin leider nicht in dieser Lage.

Eine in die Defensive geratene Sozialbranche hat in einigen ihrer Abteilungen begonnen, weniger ausgebildete SozialarbeiterInnen einzusetzen. In manchen Projekten galt es ohnehin schon längere Zeit als gleichgültig, ob man Psychologie, Sozialarbeit, Geschichte oder Publizistik studiert hatte, wenn es um die Beratung von Obdachlosen ging. Und bei so manchen Behinderteneinrichtungen und Altenheimen wird seit vielen Jahren ein höchst bedenklicher Standard an Ausrüstung und Professionalität geduldet. Unnötig zu sagen, dass Posten für SozialarbeiterInnen sich dort kaum finden lassen.

Die Sozialarbeit kämpft auch darum, dass die schon bisher auf international durchaus konkurrenzfähigem Niveau ausbildenden Akademien für Sozialarbeit in Fachhochschulen umgewandelt bzw. ihnen gleichgestellt werden. Die hochmobilen KollegInnen haben sich im EU-Ausland mit Anerkennungsproblemen herumzuschlagen. Das absolute Desinteresse &endash; um nicht zu sagen die Ignoranz&endash; der zuständigen Ministerien und PolitikerInnen widerspiegelt den Stellenwert des Sozialen heute. Politiker lassen sich gerne mit einer Fachhochschule für Informationstechnik feiern. Die (billige) Umwandlung der Akademien lohnt anscheinend den Aufwand nicht, mit ihrer Eröffnung sind keine Lorbeeren zu ernten.

Stärker als bei anderen Berufen färbt das Image des Klientels auf die Sozialarbeit ab. Die Alltagsnähe brachte SozialarbeiterInnen immer wieder in den Geruch der Kumpanei mit dem Klientel, oder aber der armen Idealisten, die sich mit solch unangenehmen Leuten abgeben. Es ist die Last eines mehrheitlich von Frauen ausgeübten Berufs, dass er mit all der männlichen Ignoranz und Verachtung konfrontiert ist, die es für die vermeintlich nicht ernst zu nehmenden Betätigungsfelder der Frauen nur geben kann.

Wenn ich nun ein Bild entworfen habe, das eine Sozialarbeit der professionellen Fallarbeit zeigt, so will ich doch nochmals auf die eingangs erwähnte‹funktionalistische Schule" zurückkommen, auf die SozialarbeiterInnen als vorgeschobene AgentInnen des Staates. Hierin steckt noch eine Erkenntnis, die ich in meinen Ausführungen ergänzen muss: Sozialarbeit ist strukturell darauf angewiesen, dass sie von der Gesellschaft beauftragt ist. Sie repräsentiert den Integrationswillen der Gesellschaft und benötigt ihn, um Ressourcen aktivieren zu können. Sozialarbeit, der erkennbar die Unterstützung der Gesellschaft abhanden gekommen ist, verliert die Glaubwürdigkeit. Sie erscheint nurmehr als privates Hobby und kann die Hoffnung auf Integration schlecht vermitteln.

Wie man sieht, ist die Abhängigkeit der Sozialarbeit von ihrem politischen Umfeld groß. Sie ist als Profession schwach in ihrer Eigendynamik und schwach in ihrer Durchsetzungskraft, sie ist mit Selbstzweifeln behaftet und kann sich nur unzureichend artikulieren. Ihre Leistungen vor Ort können sich aber sehen lassen.

Im mobilen Beratungsdienst hat die Zusammenarbeit der Professionen eine Tradition. Es ist dem Sozialministerium zu danken, dass das von mir angesprochene günstige politische Umfeld hier offensichtlich gegeben ist. Angesichts des Anwachsens der sozialen Polarisierung und der Armut in unserer Gesellschaft, wünsche ich mir dieses gute Umfeld auch in anderen Bereichen. Sozialarbeit könnte mithelfen, dass der Dialog mit Teilen der Gesellschaft nicht abreißt, dass er menschlich geführt wird, dass selbstbestimmte Integration das Ziel bleibt.