Der 2020 Krisenblog
Sechsundzwanzigster Tag
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- Erstellt am Freitag, 10. April 2020 22:07
Was bleiben wird, das ist kein Wunschkonzert. Es gibt keine Tabula rasa, kein weißes Blatt Papier, auf das wir jetzt unsere Wunschwelt aufzeichnen könnten und dann entfaltet sich das vorerst Zusammengefaltete nach einem neuen, nach unserem Plan.
Ich nehme mir vor, genau zu beobachten wie die Welt sich jetzt verändert, da ist viel zu sehen, vor allem auch, womit sich Menschen nun beschäftigen, wie sie gezwungen sind, Neues zu entdecken, wenn sie sich nicht durch Herumgefahre ablenken. So richte ich es mir zurecht.
Aus den Augenwinkeln sieht man auch die Havarien in dieser Welt und muss entscheiden, wie groß man sie werden lässt. Nicht in der Wirklichkeit, darauf hat man in der Regel keinen Einfluss. In unseren Köpfen. Sie völlig auszublenden macht wahrscheinlich dumm, ihnen zu viel Raum zu geben lähmt wahrscheinlich. Es ist ein Austarieren, nie beendet.
Eine Komposition von havarierten Cityjets in der Werkstätte Jedlersdorf. Das Panorama hat Paul beigesteuert, danke dafür.


Siebenundzwanzigster Tag
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- Erstellt am Montag, 11. Mai 2020 20:01
Wie hilfreich klare Regeln doch sind, z.B. jetzt zu Ostern. Die Familienfeiern bleiben virtuell, und niemand muss sich rechtfertigen dafür, nicht doch die Gelegenheit für einen Verwandtenbesuch zu nützen. „Mehr Eigenverantwortung“ hat Grenzen, und vor allem kann sie die Freiheit auch einschränken: Sie liefert mich den Erwartungen der anderen aus, auf die ich reagieren muss, und alles kann mir als persönliche Entscheidung zugerechnet werden, im schlimmsten Fall wird jeder meiner Entschlüsse mit Beziehungsbedeutung aufgeladen. So schätze ich es, wenn wir regelkonform entspannt Schmähführen können via Videokonferenz.
Regeln sind außerdem auch hilfreich für jene, die ihre Identität gerne aus Widerstandsgesten beziehen. Sie können sich empören und aufplustern und später darauf hinweisen, dass sie es immer schon gewusst hätten.
Jenen, und allen anderen auch, wünsche ich Frohe Ostern!
Im Teich wurde schon ein Frosch gesichtet, auf diesem Bild ist er allerdings nicht zu sehen.

Achtundzwanzigster Tag
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- Erstellt am Sonntag, 23. November 2025 13:29
Warm ist es, und mein Gesicht ist braungebrannt, als hätte ich einen Mittelmeerurlaub hinter mir. Ein Ostersonntag mit Eiern, Pinze, und Osterschinken sowie einem zweigeteilten Familienbrunch mit Videoübertragung lässt eigentlich keine Wünsche offen – nur mein desaströses Abschneiden beim DKT trübt die Stimmung. Sobald weitergespielt wird, hoffe ich auf meine persönliche Auferstehung im Mikrokosmos des Spiels, obwohl der baldige Bankrott realistisch betrachtet wahrscheinlicher ist.
Beim Ostereierverteilen an die Nachbarn hat einer von diesen gesagt, anhand meiner täglichen kleinen Postings wisse man immer genau, wie lange dieser Zustand nun schon dauere. Er sei inzwischen schon zur Normalität geworden. Christina erwähnte bei einer anderen Gelegenheit, dass sie gerne wüsste, mit welchem Zeithorizont sie zu rechnen habe, dann könnte sie Pläne schmieden.
Tatsächlich ist es wohl so, dass aus dem Ungewöhnlichen, der Alltagsunterbrechung, schleichend ein neuer Alltag geworden und der frühere Alltag als solcher entschwunden ist, er nicht mehr ganz einfach wieder aufgenommen werden könnte, umstandslos und so, als sei da nur eine kleine Unterbrechung gewesen.
Der neue Alltag wird sich voraussichtlich langsam aufbauen, Schritt für Schritt, und früher Fragloses werden wir nicht einfach wieder machen, sondern wir werden uns entscheiden, was wir machen werden und wie wir es machen werden. Die Unterbrechung wird dafür lange genug gedauert haben. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind da. Trotzdem werden wir auf die Prophezeihungen aus den ersten Wochen der Krise ebenso mild lächelnd zurückblicken wie auf die bereits mit Patina versehenen Utopien von vor einem halben Jahrhundert.
Pläne schmieden in diesen Zeiten? Ja klar doch, wann sonst? Gerade jetzt, mit all den offensichtlichen Unklarheiten, wie sich das Umfeld weiterentwickeln wird, kann und soll man das ganz unbeschwert tun, finde ich. Was dann einmal daraus werden wird ist ähnlich unsicher wie zu vermeintlich ruhigeren Zeiten. Jetzt wird man sich aber herrlich auf Corona ausreden können. Beste Voraussetzungen für kühne Pläne!
Osterglück? Im Wäldchen sitzend das neue Album der Cowboy Junkies hören. Die Hausnebelkrähe sitzt hoch oben in einer Birke und schaut mir dabei zu.

Neunundzwanzigster Tag
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- Erstellt am Sonntag, 23. November 2025 13:38
Das viele Händewaschen führt zu einer Verstimmung zwischen mir und meinem iPad. Fingerabdrücke mit Restfeuchte werden nicht erkannt, also muss ich wie in alten Zeiten eine Zahlenkombination eingeben.
Vor fünfzig Jahren scheiterte die Mission Apollo 13. Zur Erinnerung: Das ehrgeizige Programm, initiiert vom später ermordeten Präsidenten Kennedy, führte zu erfolgreichen Mondlandungen und lieferte jene Bilder, anhand derer wir ein neues Verständnis von unserem blauen, verletzlichen Heimatplaneten entwickelten. Apollo 13 als neuerliche Wiederholung stieß schon auf beachtliches Desinteresse der Weltöffentlichkeit. Eine Explosion an Bord führte beinahe zur Katastrophe. Mit viel Geschick der Ingenieure in der Leitzentrale und der Astronauten an Bord konnten diese jedoch noch heil zurück zur Erde gebracht werden.
Nein, das verstehe ich jetzt nicht als Metapher für das Navigieren durch die Coronakrise. Es scheint mir eher als Erinnerung daran, dass mit koordinierter Anstrengung sehr viel erreicht werden kann. Die aktuellen Ziele für solche Projekte, die das kaum denkbare doch noch erreichen können, wären wohl andere. Die Besiedlung des unwirtlichen Mars könnte die Menschheit wohl nur mäßig begeistern.
Die großen Ziele heute wären nicht solche, bei denen ein spektakuläres Neues vor unseren Augen steht, sondern solche, bei denen die Zielerreichung eben darin besteht, dass nichts passiert. Kein Massensterben durch den Virus. Kein irreversibler Temperaturanstieg. Es ist wie die Putzarbeit zu Hause. Man ist den ganzen Tag beschäftigt, das Ergebnis ist allerdings alles andere als spektakulär, und besteht vor allem in der Abwesenheit von Auffälligkeiten wie Ungeziefer, Staubschichten etc. Nach der klassischen Rollenverteilung wären das „weibliche“ Ziele, keine heroischen. Fällt es deshalb so schwer?
Eine Frucht meiner heutigen Wanderungen rund um Groß Jedlersdorf ist dieses Foto. Auch etwas zum Nachdenken

Dreißigster Tag
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- Erstellt am Sonntag, 23. November 2025 13:47
Nein, weniger Arbeit als sonst gibt es nicht. Dazu kommt: Auch wenn kein Kleinkind im Haus ist, sind die Erwartungen der Familienmitglieder, sich sehen zu lassen und Zeit mit- und füreinander zu verbringen ganz einfach deutlich größer, als wenn man fort ist, ganz einfach nicht da, und daher auch nicht ansprechbar mit Wünschen nach Austausch, einen Toast machen, gemeinsam einen Film anzuschauen oder etwas zu spielen. Etwas schuldig fühlt man sich immer, wenn man nicht zur Verfügung steht oder sagt, man hätte etwas zu tun. Man, das bin in diesem Fall ich, aber ich bin mir gewiss, dass es meiner Partnerin genauso geht.
Wieso stellt sich trotzdem das offenbar kontrafaktische Gefühl der Entschleunigung ein? Bei mir ist es die massive Themenreduktion bei den Nachrichten aus der Welt. Es gibt kaum Nachrichten abseits der inzwischen redundanten von der Coronakrise. „Früher“ wollte ich immer auch noch über andere Aspekte des Weltgeschehens, deren es viele gab, informiert sein, plus die aktuellen Ergebnisse der österreichischen Eishockeyliga, der österreichischen, deutschen, englischen, spanischen und der europäischen Fußballigen, sowie diverser künstlerischer Events. Einiges davon wollte ich mir auch live ansehen, auf den verschiedenen Kanälen vom TV bis zu den diversen Streamingdiensten. Einzig übriggeblieben sind die Musik-Neuerscheinungen, die es weiterhin gibt und die ich noch verfolgen kann. Sie ersetzen aber nicht die Aufregung und den Anreiz zu Analysen, den Mannschaftssportarten bieten.
So werde ich jetzt schon von meiner Mitbewohnerin und meinem Mitbewohner angetrieben, das unterbrochene Kriminal-DKT-Spiel wieder aufzunehmen, weshalb mein heutiger Beitrag auch schon wieder ein Ende haben muss. So schaut die Entschleunigung aus!
Ich bin kein Bastler – vor und in Baumärkten hat man mich heute also nicht sichten können. Sollte mich jemand hinter einer Maske vermutet haben, so irrt sich der oder die, will ich klarstellen.
Das heutige Foto: Sie können ja einmal raten ...



