Der 2020 Krisenblog
Zwölfter Tag
- Details
- Erstellt am Freitag, 03. April 2020 12:56
Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie es ist, wenn man sich nunmehr so oft selbst sieht. Das ist ja der große Unterschied zwischen Meetings mit physischer Ko-Präsenz und Online-Meetings: Bei den ersteren sehe ich alle sehr gut, von mir allerdings nur die Hände. Beim Onlinemeeting bin ich selbst einer der für mich sichtbaren Köpfe. Jetzt muss ich diesen Vogel ständig anschauen, und meine bisher gute Meinung von mir selbst leidet darunter.
Jetzt habe ich aber eine der klarsten Zusammenfassungen der Situation, in der sich die Gesellschaft befindet, gehört – und ich freue mich natürlich, dass die von einem Soziologen-Kollegen kommt. Muss ich also weitererzählen und behinweisen (Hurrah, wieder ein neues Wort entdeckt): Aladin El-Mafaalani, Prof in Osnabrück, bringt zwei einleuchtende Argumente dafür, dass die jetzigen Maßnahmen richtig sind: Ohne Maßnahmen käme all das auch, nur in der Form von Chaos. Und die vermeintliche Alternative, nämlich die Risikogruppen zu isolieren und den Rest der Bevölkerung normal weiterleben zu lassen, sei undurchführbar: Das würde an die 30% der Bevölkerung betreffen. Seine Argumente sind eingebettet in eine Einschätzung der Lage. Eine hochinteressante Viertelstunde. Link zum Podcast liefere ich gerne mit (dort die #9 anklicken): https://audionow.de/podcast/der-achte-tag---deutschland-neu-denken
Noch andere Themen, über die ich gerne schreibend nachdenken würde, stapeln sich in meinen Notizen. Zum Beispiel leere Straßen: Erstmals habe ich vor ca. 30 Jahren darüber nachgedacht. Damals, als ich zu Zeiten, als die DDR zwar nicht untergegangen war, aber sehr bemüht an ihrem Ende arbeitete, verbrachte ich wieder einmal eine Woche bei einem befreundeten Soziologen am Prenzlauer Berg. Damals gab´s dort noch schräge Vögel, aber wenige Menschen auf den Straßen. In einem kleinen Museum konnte man alte Bilder vom Leben in diesem Grätzel sehen – in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts waren die Straßen voll Leben. Sehr viele Menschen aller Altersgruppen trieben sich dort herum. Wieso damals und nicht in den 1980er-Jahren? Ich fand bald eine Hypothese: Abgesehen vom in der DDR maroden Einzelhandel und Gewerbe war das wohl den damaligen Wohnverhältnissen geschuldet. Überfüllte Wohnungen (auch in Berlin gab es wie im Wien vor dem ersten Weltkrieg Wohnungsnot, Bettgeherwesen etc.). Im Quartier wohnte schlicht und einfach ein Mehrfaches an Menschen, als in den 1980er-Jahren. Und ob der beengten Wohnverhältnisse wurde die Straße als Lebensraum genutzt. Jetzt haben wir wieder leere Straßen. In Wien sind wegen der Ausgangsbeschränkungen weniger Personen unterwegs, und die Touristen, die das Zentrum beleben, sind auch weggefallen. Jene, die auch heute in beengten Wohnungen leben müssen, sind nun einer besonderen Belastung ausgesetzt. Sie können die Straße, die Parks, nur begrenzt als eigentliches Wohnzimmer benutzen, wenn sie das tun, laufen sie Gefahr, von der Polizei angesprochen zu werden. Die Kolleginnen und Kollegen von der offenen Jugendarbeit sehen das derzeit ganz genau – von ihren Erfahrungen vielleicht mehr an einem der nächsten Tage.
Ich hatte mich beklagt, dass mein erweitertes Wohnzimmer, die Gastwirtschaften, weggefallen ist. Der Unterschied: Ich habe Alternativen, die mir zwar auch zu wenig sind, sie haben nicht einmal diese. Eine meiner Alternativen ist jener Arbeitsplatz, an dem ich das geschrieben habe: Mein Platzerl im Wäldchen am Marchfeldkanal.
„Haltet die Schlappohren steif!“ hätte Dschi Dschei Wischer gesagt, und das sag ich jetzt.

Dreizehnter Tag
- Details
- Erstellt am Freitag, 03. April 2020 12:59
Es ist Frühling, total! Neues Leben. Es blüht, gestern hatten wir nächtens die erste Sichtung eines Igels in diesem Jahr. Beinahe wäre er in unser Wohnzimmer gekommen, ich habe ihm gerade noch die Terrassentür vor der niedlichen Nase zugemacht. War besser so, für ihn und für uns.
Es wäre auch die richtige Zeit, um sich zu verlieben. Ich frage mich, ob unter diesen Umständen genügend neue Liebespaare entstehen können, wie wir sie für ein wohliges Klima der Mitmenschlichkeit brauchen. Eine Person kann sich ja in eine andere verlieben, aber wie will man das vorantreiben, ohne physische Kopräsenz? Und gibt es derzeit und in den nächsten Wochen überhaupt genügend Begegnungen mit Menschen, die man vorher nicht gekannt hat? Kann man jemanden kennenlernen, für den man sich sofort oder wachsend entflammt? Es würde mich sehr beruhigen, Geschichten von Neuverliebten zu hören, am besten von Heimlichverliebten, Kreuz- und Querverliebten, Existenzerschütterndverliebten. Als Zeichen, dass die Welt sich weiterdreht und dass die Menschen neue Wege des Zueinanderkommens finden. Ich bin optimistisch.
Zuletzt machte die Befürchtung die Runde, dass das „Blockwartewesen“ nun grantige Urständ feiern könnte. Gewiss: Figuren, die ihren Lebenssinn darin zu finden scheinen, ihre Mitbürger*innen zu beobachten und zurechtzuweisen, ev. gar bei der Polizei anzuzeigen, sind nicht sehr sympathisch.
Die Vorstellung, dass nur die Polizei legitimiert sei, die Einhaltung von Regeln des Zusammenlebens einzufordern, scheint mir jedoch abstrus bis gefährlich. Eine soziale Norm, deren Verletzung mir nur dann Nachteile bringt, wenn ich von der Polizei erwischt werde, ist weitgehend wirkungslos, es sei denn, wir hätten einen Polizeistaat und die Beobachtung durch die Polizei wäre sehr dicht. Das können wir nicht wollen.
Daher brauchen wir jene soziale Kontrolle, die die Bürger*innen ausüben, indem sie gegebenenfalls auch Mitbürger*innen zurechtweisen, wenn die sich nicht an Regeln halten. Auch wenn sie dabei riskieren, selbst angeschnauzt zu werden. Auch das ist meines Erachtens ein notwendiges Element eines freien Staatswesens und einer selbstbewussten Bürger*innenschaft. Ordnung und Sicherheit entstehen nicht durch die Anwesenheit von Polizei – im Gegenteil, die Anwesenheit der Polizei weist auf eine Gefährdung der Sicherheit hin, auf ein Versagen der Selbstorganisation der Bürger*innenschaft.
Das Gute an der Krise: Die Vollkornversion von Toastbrot ist beim Nahversorger unserer Wahl aus. Da freut sich der Herr Sohn.

Vierzehnter Tag
- Details
- Erstellt am Freitag, 03. April 2020 13:02
14 Tage sind vergangen, und die weltweite Woge baut sich auf, kommt näher. Noch verspüre ich keine Angst. Ich fühle mich wie ein hochinteressierter Beobachter. Wird sie noch kommen, die Angst?
Im vergangenen Herbst hatte ich begonnen, an einem Roman zu schreiben. Der Hintergrund: Wien ist in einer Ausnahmesituation, weil in einem Zeitraum von zwei Jahren alle „Bürger*innen mit Migrationshintergrund“ die Stadt verlassen haben – ohne einen besonderen Anlass. Das Konzept kann ich wegschmeißen. Aber einzelne Textstücke sind noch brauchbar:
„Wenn sich schon diese dunkle Wolke über die Stadt geschoben hatte, sie sich darunter für den Verfall zwar bereit machte, sich aber weigerte, diesen schnell zu erledigen, so musste man in seinem eigenen Leben alles tun, um nicht ebenfalls zu verdunkeln und zu verfallen.
Nun gab es einerseits diese klischeehafte Tradition der Stadtbewohner, den Untergang nicht ernst zu nehmen, sondern ihm das Heitere abzugewinnen und ihn als willkommenen Anlass für bedenkenlos hedonistische Inszenierungen zu nehmen.
Andererseits, nicht weniger klischeehaft, ist der Hedonismus nahe an der Melancholie gebaut. Er unterbricht die depressive Stimmung, heilt sie aber nicht. Er ist nicht mehr als ein kurzes Feuerwerk mitten in der Dunkelheit.
Was die Situation der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner von früheren Katastrophensituationen unterschied, war die Ratlosigkeit. Ja, es war dunkel unter der Wolke. Ja, die wirtschaftlichen Turbulenzen wurden für so manche Existenz gefährlich. Dazu kam aber noch dieses Gift der Rat-, Ahnungs- und Orientierungslosigkeit, das sich verbreitet hatte. Allen war klar, dass man Entscheidungen treffen und etwas tun müsse, so schnell wie möglich, und doch wusste niemand, wie man entscheiden und was man tun könnte. Die Gewissheiten der jeweiligen Weltsichten schienen keine Richtung mehr vorzugeben. Einzig ganz rechts war alles klar, weiterhin. Was bisher schon auf Zerstörung aus war, konnte getrost dabei bleiben. Es war ja genügend übriggeblieben, was noch zerstört werden konnte.
Es mochte sich zwar alles dumpf anfühlen in dieser Stadt, aber noch war das eine zivilisierte Dumpfheit. Frustrierend, weil man sich nicht an einem Feind abarbeiten und man kein klares Ziel ausmachen konnte.“
Neu und schön ist die nunmehr breite Akzeptanz des Unvollkommenen: Wohnzimmerkonzerte, Videos ohne Ultra High Definition, improvisierte Lesungen, bei denen die Vorleser*innen mit dem Licht und der Technik kämpfen. Ich wünsche mir, dass das bleibt.
Die besondere Ästhetik des Shutdowns wird noch aufzuarbeiten sein. Die der leeren Straßen, der Homemade Videos und Podcasts, der Stille! Werden wir eine Erinnerung an diese Stille und das Improvisierte haben? Wie sehr werden sie uns abgehen, wenn sie wieder von uns gegangen sein werden?
Mir gehen die Fußballübertragungen weniger ab als gedacht. Heute stelle ich mir vor, dass ich die ersten Bundesligapartien feiern werde. Beim ersten Heimspiel Rapids nach dem Shutdown will ich unbedingt im Stadion sein, obwohl nach der langen Pause kein ansehnliches Match zu erwarten sein wird. Aber ich will mit den 20.000 die Wiederkehr feiern, das Leben, das Spiel.
Das Nest ist fertig gebaut. Eier legen, brüten. Das Paar hat eine Geduldprobe vor sich.

Fünfzehnter Tag
- Details
- Erstellt am Freitag, 03. April 2020 13:07
Jetzt, wo wir uns an die Ausnahmesituation gewöhnt haben und uns die ständigen Nachrichten über die Pandemie und ausschließlich über sie auf die Nerven zu gehen beginnen, sei eigentlich Zeit, sich um „abseitigere“ Themen zu kümmern, meint Eduard Kaeser, Physiker und Philosoph und Jazzmusiker.
Ich wollte seinem Rat folgen. Das heutige abseitige Thema wäre der Alltag gewesen. Menschen sind ja großartig darin, auch in ungewöhnlichen Situationen so rasch wie möglich wieder Alltag herzustellen. Darüber zu sinnieren, das wäre einerseits vielleicht interessant, jedenfalls aber auch beruhigend gewesen.
Das sei nun aufgeschoben, denn es passt nicht zu dieser Stimmung, die durch die heutige Pressekonferenz der Bundesregierung wieder eher ins Bewölkte gekippt ist, unpassend zu einem kühlen, aber sonnigen Tag.
Robert Castel hat schon 1991 etwas beschrieben, das wir alle mehr oder weniger gut kennen:
„Um es am Anfang sehr schematisch auszudrücken, ist die Innovation folgende. Die neuen Strategien lösen den Begriff eines Subjekts oder eines konkreten Individuums auf und installieren an ihrer Stelle eine Kombinatorik von Faktoren, den Risikofaktoren. Wenn es wirklich das ist, was stattfindet, dann bringt eine derartige Umgestaltung wichtige praktische Auswirkungen mit sich. Der wesentliche Bestandteil der Intervention nimmt nicht mehr die Form der direkten Beziehung von Angesicht zu Angesicht zwischen dem Fürsorger und dem Befürsorgten, dem Helfer und dem zu Helfenden und dem Experten und dem Patienten an. Statt dessen liegt er in der Bildung von Bevölkerungssegmenten, die auf dem Vergleich einer Reihe von abstrakten Faktoren basieren, die geeignet scheinen, das Risiko im allgemeinen hervorzubringen. Diese Verschiebung wirft das existierende Gleichgewicht zwischen den jeweiligen Standpunkten des spezialisierten Experten und des Verwaltungsbeamten völlig um, die mit der Bestimmung und der Anwendung der neuen Gesundheitspolitik beauftragt werden. Die Spezialisten sehen sich nun in eine untergeordnete Rolle verwiesen, während es der Verwaltungspolitik gestattet wird, sich zu einer vollkommen autonomen Kraft zu entwickeln, völlig jenseits der Kontrolle durch den Tätigen vor Ort, der nun auf einen bloß Ausführenden reduziert wird.“
An diesen Text (lohnende Lektüre, wer nachlesen will findet ihn hier: http://www.episteme.de/htmls/Castel.html) habe ich mich heute erinnert. Anschließend an die Verkündung der neuen Maßnahmen hatten meine Mitbewohner*innen fantasiert, dass die Zeit kommen könnte, wo sie mir zu Hause nur mehr mit Schutzmaske begegnen. Das alles zu meinem Schutz natürlich, weil ich mit meinen 66 Jahren der Risikogruppe zugeordnet werde. I´m not amused.
Auch die beiden Fotos sind heute eher irritierend. Der weiße Punkt am Himmel (in der Vorschau nicht sichtbar) ist die Venus. Sie begleitet uns ja schon lange an den Abenden, und wie man weiß, ist sie ein sehr unwirtlicher Planet. Ihre Anwesenehit zeigt, dass unsere Erde nicht allein ist im weiten Universum, sondern eingebunden in einen Familienverband, wenn man es so bezeichnen will. Als weiterer blühender blauer Planet wäre sie mir allerdings lieber. Aber meine Meinung zählt ja nix im Universum.
Das zweite Foto war ganz einfach da. Ich kann mich nicht erinnern, wie es zustandegekommen sein könnte. Bin das ich, in Quarantäne, nur mehr schemenhaft erkennbar für all jene „draußen“?
Das ist natürlich ein Blödsinn. Nichts hat sich geändert. Heute habe ich mir die Kommandobrücke des Raumschiffs Voyager (Start Trek) als virtuellen Hintergrund bei den Videokonferenzen gegönnt. Etwas fürs Selbstbewusstsein!


Sechzehnter Tag
- Details
- Erstellt am Freitag, 03. April 2020 13:10
Gestern hielt mich eine wunderbare, wenn auch wenig spektakuläre Abendstimmung im Garten fest. Die Wienerwaldbergkette hob sich schwarz von einem schmalen Streifen rotgefärbten Himmels ab, der je weiter ich meinen Blick nach oben richtete, ein zuerst helles, dann zum Zenit zu immer dunkler werdendes Blaugrau annahm. Die teils noch kahlen, teils schon die ersten Blätterknospen tragenden Bäume zeichneten ein unregelmäßiges Gitter auf diesen Hintergrund. Hoch in der Krone eines Nachbarbaumes saß der Herr Fasan, die Welt um sich betrachtend. Ich harrte lange aus, er auch.
Schluss mit dieser grauenhaften Schwülstigkeit – obwohl: genau so war es.
Gestern hat sich Herr Orban vom Parlament auf unbestimmte Zeit nahezu diktatorische Vollmachten geben lassen. Er ist keineswegs der erste Freiheitskämpfer, der sich zum Autokraten und schließlich entwickelt hat – mit fleißiger Unterstützung seiner Partei. Orban hat als Liberaler begonnen, andere als Linke – man denke zum Beispiel an den Herrn Ortega in Nicaragua, die Herren Chavez und Maduro in Venezuela. Ihre Anhängerinnen und Anhänger sind ihnen gefolgt, denn es gibt ja immer die angebliche Bedrohung von außen und von den reaktionären Kräften, die das Volk wieder unterjochen wollen. Und man hat etwas davon, wenn man mitschwimmt, auch materiell. Nur die Präsidentenpartei kann den Ausnahmezustand beenden, sie entscheidet auch allein, wann und ob es jemals wieder Wahlen gibt, und „Querulanten“ haben Haft zu erwarten. Gegen den Bürgermeister von Mohacs wird wegen „Gefährdung der Öffentlichkeit“ ermittelt, weil er seine Stadt als „Corona-Hotspot“ bezeichnet hat.
Armes Ungarn. Auch die Europäische Union wird sie nicht befreien können, das werden sie schon selbst tun müssen. Wie heißt es in Brechts Einheitsfrontlied? Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum kann er sich nur selbst befrein. Yes.
Jetzt soll es randomisierte Testungen geben. Mein Soziologenherz pocht aufgeregt, denn die Aussagekraft der Infektionszahlen war bisher doch beschränkt. Endlich wird man zumindest ungefähr wissen, wie verbreitet das Virus wirklich ist. Das Ungefähre liegt dabei weniger bei der Statistik und der Stichprobengröße, sondern wohl mehr bei der Zuverlässigkeit der Tests, glaube ich.
Es dämmert. Es dämmert, dass die Zeit lang wird, dass es schwierig ist, die Freundinnen und Freunde so lange nicht sehen, so richtig sehen, zu können. Und es dämmert, dass die Folgen gravierend sein könnten.
Schokolade hilft. Wir haben extra eine Bonbonniere mit ganz ganz kleinen Bonbons angeschafft. Ein klitzekleines Stück Schokolade hilft auch schon.



